Sie sehen traurig aus.“ Der Einwanderungsbeamte nickt zurück.

„Es ist kein Wunder“, erwidert er. „Wir wollen hier ein neues Land machen. Felder warten, Wälder ungerodet, aber unserem Aufruf folgen nur Krüppel. Kommt mal ein junger Mensch, so bringt er seine Eltern noch mit, die beim Betreten des Landes in verschiedene Richtungen zeigen und dem Sohn, an den sie sich klammern, zurufen: Hierhin, dahin, drüben sieht’s gut aus, über die Straße. Dabei haben wir frische Beamte an den Piers aufgestellt, die ganze Küste hoch, mit lebendigen Augen, unruhig, kräftig, voll Hoffnung, in neuen Uniformen, und diesen treten nun diese Pioniere entgegen, kurzbeinig, humpelnd, fett, mit Zahnlücken, Leute, die wir, wenn wir sie überhaupt selbst hier hätten, längst ins Meer geworfen hätten, die von Bord getragen werden oder keuchend, mit Würsten in der Hand, von denen ein entsetzlicher Geruch ausgeht, beim Betreten des Landes gleich niedersinken und endlich im Krankenwagen wieder zu sich kommen, wenn man ihnen Riechfläschchen hinhält, lallend richten sie sich auf und geben Anweisungen, aus denen hervorgeht, daß sie sich schon jetzt, eine Stunde nach der Ankunft, für reiche Herrschaften halten: Sagen Sie dem Chauffeur, er möge anhalten, wir wollen Kleidung an die Armen verteilen, rufen sie, diese Kleidung will ich lieber nicht beschreiben. Unterdessen steht oben, auf der Brücke des Einwanderungsschiffs, der Kapitän mit seinen Offizieren, lauter in frisches Weiß gekleidete, ’lebendige Herren. Diese schlendern umher, stehen mit dem Rücken zum Land, und nur manchmal, mitten in einem Satz, wenden sie sich um, ohne Absicht, ihr Blick erfaßt flüchtig, was sich hier unten abspielt, geht dann über die vor ihnen emporsteigende, weiße Stadt, in die sie erst nachts, wenn die Piers gereinigt sind, ausziehen. In kleinen Gruppen gehen sie an Land. Die Bordwache salutiert, plaudernd dringen sie in die Stadt ein, Gelächter geht von ihnen aus. Solche Einwanderer wünschten wir uns: spöttische, elastische Herren. Mit ihrer Heimat geht es bergauf, jedes Schiff, das dort ausläuft, schafft Luft zwischen den Einwohnern, wirft aber uns um Jahrzehnte zurück. Ich stelle mir den Präsidenten ihres Landes vor, wie er vom Fenster seines Dienstzimmers die Ausfahrt des Schiffes verfolgt, aufatmet, wenn er das Schiff langsam hinausgleiten sieht, sich an den Sekretär wendet, der mit glänzenden Augen neben ihn getreten ist, diesem die Hand auf die Schulter legt, mit der andern nach draußen zeigt, beide nun, gestärkt durch das Erlebnis, sich ihrer Arbeit mit doppelter Kraft zuwenden.“

„Sind diese Umstände bei Ihren ausländischen Konsulaten nicht bekannt?“

„Regelmäßig berichten wir dorthin. Mit welchem Erfolg, möge Ihnen folgender Vorfall zeigen. Kürzlich wurde ich von einem Einwanderer angefaßt. Der Einwanderer befühlte den Stoff meiner Dienstjacke, fuhr mit der Hand in den Ärmel hinein, schnalzte mit der Zunge. Die Herren unserer ausländischen Konsulate fahren also in den Armenvierteln der ihnen zugeteilten Länder umher und vergeben unsere Posten. In den Spitälern gehen sie von Bett zu Bett und verteilen Pässe. Wenn ihre Limousinen von vielen Menschen umringt sind, steigen sie hinaus aufs Dach und rufen: Kommt in unser Land und werdet Einwanderungsbeamte! Kein Wunder, daß diese uns hier mit großen Erwartungen entgegentreten, oft noch vom Schiff aus, ehe das erste Tau geworfen ist, uns Befehle zurufen, die man nicht befolgen könnte, selbst wenn es unsere Vorgesetzten wären.“

„Aber einige habe ich mit Handwerkszeug hier ankommen sehen?“

„Der Anblick täuscht. Schlimm für uns ist besonders die Landfeindlichkeit der Einwanderer. Unser Land ist ja groß und will gerodet werden. Es fehlen Siedlungen und Straßen. Nun kommen Einwanderer an, Schaufel schon in der Hand, auch wenn sie selber die Schaufeln, die sie meist überragen, kaum halten können. Solche Einwanderer werden bevorzugt abgefertigt. Nun fahren wir sie vor die Tore der Stadt, zeigen ihnen die Umgebung, die seit Jahrhunderten auf sie wartet. Schon auf der Fahrt dorthin kann man allerhand erleben. Die Stimmung wird immer schlechter, je leerer draußen die Straßen werden. Fehlen links und rechts Häuser, wird nur noch gejammert. An einer bestimmten Stelle nötigen wir sie zum Aussteigen. Dies erfordert Künste. Was gibt es hier zu besichtigen? rufen sie. Eine Sehenswürdigkeit, rufe ich in den Bus hinein. Was denn, welche Sehenswürdigkeit? ruft eine Greisin und drängt den ersten Männern nach, die die Treppe hinunter ins Freie tappen, aber vorsichtig bei der Tür stehenbleiben und sich umwenden. Was wollten Sie uns zeigen? fragen sie. Ihr Land, rufe ich ihnen nach, denn da nun alle am Straßenrand stehen, bin ich längst in den schon wieder anrollenden und in rasender Eile wendenden Bus zurückgesprungen und beobachte die Pioniere, die klagend dem Bus nachsetzen, Gepäckstücke und Kartons auflesend, die ich aus dem Fenster hinauswerfe, bis die ersten mit erhobenen Fäusten in den Staubwolken hinter uns zurückbleiben, die der Bus aufwirft. Daß manchmal der Fahrer gerade dann anhält, um im Rückspiegel zu beobachten, wie die Einwanderer, die bereits keuchend, die Hände in Herzgegend verkrampft, stehengeblieben waren, torkelnd die Verfolgung wieder aufnehmen, dann aber, buchstäblich hüpfend, wieder anfährt, wenn die ersten Verfolger den Bus im nächsten Sprung erreicht zu haben glauben, billige ich nicht. Manche kommen hier wieder an, nach Tagen, und sagen, daß vor der Stadt die Straßen ziemlich plötzlich aufhören. Das haben wir natürlich auch schon gewußt. Wir sagen ihnen, daß die Straßen dort aufhören, weil es im Innern des Landes keine Orte gibt, zu denen man sie hinführen könnte. Daraufhin antworten sie, indem sie die Geräte, die wir ihnen wieder ausgehändigt haben, zerbrechen, sie wollten auf einer Straße zu den Orten gehen, die sie aufbauen sollten, da sie anschließend hierher zurückkommen möchten. Erst die Straße, rufen sie, das Gebüsch ist doit zu dicht, es wuchert. Man steht mitten im Gras. Man sieht dort nichts. Pflanzen schießen üppig hoch. Berührung mit Bäumen und allerlei Kräutern. Blätter hängen einem vor den Augen, man muß niesen. Man macht die Augen auf, da sielt man ein Blatt direkt vor sich.“

Trifft es nicht zu, daß Sie im Westen eine Ortschaft haben, zu der eine Straße direkt hinführt?“