Von Hans Gresmann

Glaubt General Giap auch heute noch, was er früher geglaubt hat – und was er in seinen Büchern als unverbrüchliche Erfolgstheorie des Befreiungskrieges verkündete? Dies ist, so will es scheinen, gegenwärtig die vietnamesische Kardinalfrage. Denn wenn Hanois Strategie noch immer von der Strategie Giaps geprägt ist, so würde das bedeuten: Sieg im Kampf – nicht durch Verhandlungen.

Es würde auch bedeuten, daß die von den nordvietnamesischen Vertretern bei den Pariser Verhandlungen monoton wiederholten Maximalforderungen wortwörtlich zu verstehen sind: Beendigung des Bombardements sowie völliger Rückzug der Amerikaner – beides ohne Gegenleistungen. Und es würde schließlich bedeuten, daß die amerikanischen Militärs in Südvietnam recht hätten.

Die Generäle im US-Hauptquartier in Saigon erklären seit Wochen, daß die Nordvietnamesen ihre Infiltration wieder verstärkt hätten – im Juli auf die Rekordzahl von 30 000 Soldaten – und daß sie sich auf eine neue Großoffensive vorbereiteten, die Ende August oder spätestens Anfang September beginnen werde. Die neuen schweren Kämpfe, die vor ein paar Tagen im Mekong-Delta südwestlich von Saigon ausgebrochen sind, werden als verläßliches Alarmsignal gedeutet.

Die Generäle und mit ihnen die „Falken“ in Washington glauben, daß Hanoi noch einmal auf die Waffen setzen wird. Dieses Argument ist. bedient man sich auch aller verfügbaren Quellen, nicht zu widerlegen. Trifft es aber zu, dann wäre es vorn amerikanischen Standpunkt aus falsch, das Bombardement des Nordens, das in aller Stärke gerade wieder aufgenommen worden ist, aufs neue zu reduzieren oder gar ganz einzustellen. Denn soviel ist in diesem unseligen Machtkampf – dem „schlechten Krieg“, wie die New York Times neulich schrieb – doch wohl für alle Seiten deutlich geworden: Die Großmacht USA, die sich auf diesen Kampf eingelassen hat, um die „kommunistischen Aggressionen“ zu stoppen, wird sich zu einem rein militärischen Rückzug – ohne politischen Erfolg – nie und nimmer bereit finden.

Wenn die Amerikaner gehen, dann wollen sie auf ihre Rückzugsfahnen den politischen Merkspruchschreiben: „Aggressionen lohnen sich nicht.“ Mit anderen Worten: Die Amerikaner ziehen aus Südvietnam nur ab, wenn auch die Nordvietnamesen, die „Aggressoren“, abziehen. Es hieße die Friedensbeteuerungen in Amerika – von welchem Präsidentschaftskandidaten auch immer – mißverstehen, wollte man glauben, irgendein verantwortlichen Politiker in Washington könnte auf diese Minimalbedingung, die das Großmachtprestige diktiert, je verzichten.

Wenn Hanoi also – à la Giap – weiterkämpfen will, so hat es die Rechnung ohne den fernen Wirt gemacht. Aber will es weiterkämpfen? Amerikanische Generäle haben sich in Vietnam schon mehr als einmal geirrt, oder sie haben, was schlimmer ist, versucht, mit ihren düsteren Prognosen Politik zu machen. Im Englischen gibt es den Begriff der „self-fulfilling prophecy“, der Voraussage, die das Vorausgesagte erst bewirkt. Auf Vietnam bezogen: Wenn die neue Offensive mit allen militärischen Mitteln antizipiert wird, dann ist sie vielleicht wirklich unumgänglich.