Von Wolfram Siebeck

Die Stellungnahme des Papstes zur Brille in der neuen Enzyklika, die jede künstliche Form von Sichtverbesserung ablehnt, hat für viele Katholiken schwere Gewissensnöte gebracht. Ratlos und hilfesuchend wandten sich zahllose Kurz- und Weitsichtige an ihre Ärzte und Optiker. Da durch die Enzyklika nicht nur die Brille, sondern auch Haftschalen, Monokel und Vergrößerungsgläser und sogar das von vielen Kurzsichtigen geübte Blinzeln mit päpstlichem Bann belegt wurden, bleibt sichtbehinderten Katholiken zum Zeitunglesen nur die vom Papst genehmigte Ausnahme: das Ausnutzen der besonders hellen Mittagszeit an Sonnentagen.

"Mittags essen wir zu Mittag", klagen jedoch viele Ehepaare und deuten damit nur ein Problem der vom Papst zugelassenen Ausnahme an. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel schien in den letzten 30 Tagen nur viermal zur Mittagszeit die Sonne; an allen anderen Tagen war der Himmel entweder bewölkt, oder es regnete.

"Allein um alle Kleinanzeigen zu lesen, brauche ich mindestens fünfeinhalb Mittage!" stöhnt ein kurzsichtiger Zeitungsabonnent aus dem Bistum Essen.

Augenarzt Dr. Gantenbein ist über die Enzyklika empört. "Ich verschreibe auch weiterhin die Brille!" versicherte er. "Die Menschen sollen selber nachlesen können, daß in der Bibel kein Wort dagegen geschrieben steht!"

Katastrophale Auswirkungen könnte die Befolgung der päpstlichen Bannbulle besonders in den hochentwickelten Ländern haben. Das Kleingedruckte auf den Kaufverträgen, die in den Wohlstandsfamilien zur regelmäßigen Lektüre gehören, würde für viele Ehepaare unlesbar werden und sie in schwere Schulden stürzen.

Auch die Kinobesitzer, ohnehin wirtschaftlich gefährdet, sehen schwarz: "Wer setzt sich jetzt noch auf die hinteren, die teuren Plätze?"