Bei den Weltjugendfestspielen in Sofia wurde der Bruch der sozialistischen Weltbewegung in drei große Blocks spektakulär vollzogen. Dem auch durchaus nicht mehr sehr einheitlichen sowjetischen Lager von den relativ eigenständigen kommunistischen Parteien Frankreichs und Ungarns bis zum zuverlässigen Satelliten SED standen zwei Gruppen gegenüber, die jede Moskauer Vormundschaft ablehnen: Die Reformer aus Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Rumänien auf der Rechten, die Revolutionäre der Dritten Welt und die radikal-sozialistische Jugendbewegung der kapitalistischen Länder auf der Linken.

In Sofia waren es nicht die erwarteten Schwierigkeiten mit den rebellischen Reformern, sondern die für Moskau offenbar überraschende Aufsässigkeit der Revolutionäre, die den Sowjetgetreuen am meisten auf den Nerv zu gehen schien. Hier wurde deutlich, daß der Konflikt mit der Linken längst nicht mehr nur Auswirkung des sowjetischchinesischen Zwists ist.

Die kurzfristige demonstrative Absage der Kubaner war das Alarmzeichen. Mit Castros Jugend blieben andere revolutionäre Organisationen aus Lateinamerika, Afrika und Asien zu Hause. Doch sie hatten ihre Guerillas in Bulgarien – die Vertreter der antiautoritären Studentenbewegung. Wie wenig Gemeinsamkeit es zwischen dieser Linken und den etablierten Parteien gibt, zeigten die Tätlichkeiten gegen die westdeutschen Studenten und schließlich der Vergleich des SDS-Vorsitzenden Wolff mit Goebbels in einer offiziellen Diskussion. Die Vorwürfe der Orthodoxen gingen bis zu der Feststellung, linke und rechte Extreme bedingten einander – und seien schließlich gar nicht soweit voneinander entfernt.

Die Angriffe der antiautoritären Linken gegen den Sowjetkommunismus waren freilich recht massiv. Sie gipfelten in dem Vorwurf gegen Moskau und seine Getreuen, innenpolitisch den Stalinismus und Bürokratismus immer noch nicht überwunden zu haben und mit ihrer Außenpolitik die Weltrevolution zu verraten.

Ein drastisches Exempel stalinistischer Praxis gab den Kritikern die Organisation und die Manipulation des Festivals. Die These, daß die kommunistischen Parteien im Interesse einer opportunistischen Außenpolitik und als Folge der Bürokratisierung revolutionäre Bewegungen unterdrücken, versuchten sie unter anderem am französischen Beispiel zu erklären: Am Verhalten der KPF während der Studentenrevolte und des Generalstreiks, an der Aussperrung französischer Studentenführer vom Festival, an der Denunziation Cohn-Bendits als "deutsch-jüdischer Anarchist" durch l’Humanité.

Noch gravierender freilich scheint den Antiautoritären die Haltung Moskaus gegenüber den revolutionären Bewegungen der Dritten Welt: Die unheilige Allianz mit dem Schah von Persien, dessen oppositionelle Studenten aus Sofia wieder abreisen mußten; die stille Übereinkunft der Sowjets mit autoritären oder faschistischen Regimen Südamerikas; schließlich die Koexistenz-Politik gegenüber den USA trotz Vietnam-Krieg.

In seinem Beschluß zum hundertsten Lenin-Geburtstag hat das Moskauer ZK jetzt zurückgeschlagen. Es distanziert sich offiziell von den linken Häretikern. Nicht von ungefähr wird auf Lenins "Kampf gegen den Trotzkismus, den linken und rechten Opportunismus" hingewiesen. Die linkssektiererischen Elemente" werden wie die Revisionisten als Mittel der Bourgeoisie bezeichnet, "die ideologisch-politische Einheit der Völker der sozialistischen Länder zu schwächen und Zwietracht unter die Werktätigen zu säen".