Von Jürgen Werner

Die Fußballauguren prophezeien eine Bundesligasaison 1968/69 „spannend und dramatisch wie nie“. Mit beinahe wissenschaftlicher Akribie – die Bild-Zeitung sogar mit einem Computer – analysieren und interpretieren kluge Kommentatoren Spielergebnisse, Formschwankungen der Spieler, Änderungen und Dementis von Trainern und Vereinspräsidenten, ja sogar Ungesagtes wird mit wissendem Lächeln registriert und ausgewertet. Dabei beginnt doch erst das große Rennen um den Titel eines deutschen Meisters, das diese Hektik hervorruft. Bedeutet doch der Titel die Teilnahme am lukrativen Geschäft der Meisterschaft aller europäischen Landesmeister. Fußball-Europa kennt keinen Eisernen Vorhang, es reicht vom Atlantik bis zum Ural. Selbst ein Teilerfolg, das heißt ein Vordringen ins Viertel- oder Halbfinale, bringt Millionengewinne.

Der Titel eines Meisters der Bundesliga ist also in seiner Auswirkung mit einem Anziehen von Firmenaktien an der Börse um 50 Punkte vergleichbar. Diese Parallele entspricht nicht nur im Vokabular, sondern auch in den Usancen sowohl nach Beendigung als auch vor Beginn einer neuen Fußballsaison. Es existiert tatsächlich eine „Fußballbörse“, wie sie im Jargon heißt, offiziell als paritätische Fußballspieler-Vermittlungsstelle bezeichnet. Hier erscheinen sogenannte Transferlisten, das heißt Kursnotierungen für Spieler, die ihren Verein wechseln möchten, weil der alte Verein oder sie selbst den Arbeitsvertrag lösen wollen.

Genau an diesem Punkt sammelt sich der Konfliktstoff, der den „großen Fußball“, das heißt die Bundesliga, diskreditiert. Der Fall des zwanzigjährigen Koppel aus Stuttgart liefert ein Musterbeispiel dafür. Ein großes Talent, er spielte schon dreimal in der Nationalmannschaft, unterschrieb gleich zwei Verträge, einen beim VfB Stuttgart und einen bei Borussia Mönchengladbach. Der Vater jedoch, dessen Vertragsunterschrift bei einem Zwanzigjährigen noch juristisch erforderlich ist, zeichnete nur bei den Gladbachern. Die Folge: Der Deutsche Fußballbund (DFB) verweigert die Lizenz, bis durch einen Spruch des angerufenen Arbeitsgerichtes der Streitfall geklärt ist.

Der österreichische Nationalspieler Siber wurde von seinem Interessenten, der Offenbacher Kickers, sogar „entführt“, so lautete der Vorwurf des Stammvereins Wacker Innsbruck, um „in Ruhe“ unterschreiben zu können.

Muten diese Beispiele aus dem Bereich des kommerzialisierten Sportes schon fast makaber an, so bilden sie doch keine Einzelfälle. Ein Trainer sprach während eines Interviews sogar von gutem „Material“, das eingekauft worden sei. Ein- und Verkauf wickeln sich nach esoterischen Riten ab, denn die Stars unter den Fußballern garantieren durch ihren Namen hohe Zuschauerzahlen und sind daher als Attraktion ebenso begehrt wie Stars im reinen Schaugeschäft.

Die Summen, die an den „verkaufenden“ Verein gezahlt werden müssen, sind verschieden hoch. Die vom DFB amtlich festgesetzte Höchstsumme beträgt 100 000 Mark. Gehen die Forderungen darüber hinaus, muß der Bundesligaausschuß diese Summe genehmigen. Dabei bilden Spiele in der Nationalmannschaft, Auswahlspiele und die subjektive Beurteilung des Vereins die Kriterien für eine Einstufung in der Verkaufsliste. Für den aus Italien remigrierten Spieler Schütz wurden von seinem neuen Verein München 1860 175 000 Mark auf den Tisch geblättert. Für den 18fachen belgischen Nationalspieler Roger Ciaessens sollen es gar 200 000 Mark gewesen sein, die sein neuer Arbeitgeber, Alemannia Aachen, investierte.