Von Martin Gregor-Dellin

Wir haben nach 1945 nicht nur einige mögliche Anfänge verpaßt, sondern auch den Anschluß an einige mögliche Traditionen. Pädagogik und Politik, politische Pädagogik und praktische Geschichtslehre haben gewisse geistesgeschichtliche Grundlinien, in denen sich revolutionäre Veränderungen und Fortschritte, Ansätze einer deutschen Demokratie schon vor 1945, ja vor 1919 abzeichneten, zu wenig in den Blick bekommen und ihre repräsentativen Erscheinungen, bis zurück zum Bauernkrieg, einfach der „anderen Seite“ überlassen, wo sie natürlich verhunzt wurden. Vor allem das neunzehnte Jahrhundert ist so gut wie unaufgearbeitet geblieben.

Die Verketzerung der Revolutionäre unter den deutschen Schriftstellern, ihre planmäßige Abwertung durch bürgerliche Literaturgeschichtsschreibung und konservativ-nationalen Schulunterricht, wirken trotz manch wohlmeinender Bemühungen noch bis in die Gegenwart nach.

Heine und Börne: miteinander verfeindet, Charaktere und Temperamente von größter Verschiedenheit, haben gleichwohl 1929 und 1932 den gleichen engagierten Biographen gefunden, Ludwig Marcuse.

Börne – war er nicht eine Schlüsselfigur im Wandlungsprozeß des Staatsdenkens? Als Hauptvertreter des Jungen Deutschland, einer der universalen Geister seiner Zeit, glänzender Stilist und Stammvater eines Journalismus, dem man oft mehr vom Börneschen Geist wünschen möchte, als Vorkämpfer geistiger und sozialer Freiheit, verdiente er eigentlich nicht nur dann nachdrückliche Erinnerung, wenn die deutsche Demokratie gerade wieder einmal in eine Zerreißprobe geraten ist.

Marcuse nannte seine Börne-Biographie 1929 „Revolutionär und Patriot“. Die Bedeutung lag auf dem „und“ und sollte der Zeit klarmachen, daß auch Revolutionäre Patrioten sein können. Nun, wir wissen, daß derlei homöopathische Lehren nicht gefruchtet haben. Aber Marcuses Buch ist aktuell geblieben bis auf den heutigen Tag, auch wenn es in der Neuausgabe den Titel trägt –

Ludwig Marcuse: „Börne – Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie“; Verlag J. P. Peter, Gebr. Holstein, Rothenburg o. d. Tauber; 323 S., 20,– DM.