Zu einem selbst für verwöhnte deutsche Börsianer überraschenden Kursanstieg kamen in den vergangenen Tagen die Aktien der Schering AG. Mehrere Monate lang war die Hausse an ihnen vorübergegangen, obwohl die Experten immer wieder ihre Meinungen kundtaten, daß von der Ertragskraft der Gesellschaft her der Schering-Kurs durchaus eine Aufbesserung vertragen würde. Doch der Börsenspekulation fehlte der Mut zum Erwerb von Schering-Aktien; die private Kundschaft störte sich an der relativ geringen Rendite, die bei einem Kurs von 380 Mark je 50-DM-Stück bei etwas über 2,5 Prozent liegt.

Wenn es nun doch zu einer Schering-Hausse gekommen ist, dann sind die Ursachen dafür in den Diskussionen über die „Pille“, über die Geburtenregelung zu suchen, wie sich die Katholische Kirche sie vorstellt. Was viele Aktionäre der Schering AG, bei der ein bedeutsamer Teil des Geschäfts von der Pille getragen wird, befürchtet hatten, trat nicht ein. Nach Verkündung der päpstlichen Enzyklika gab es keinen Druck auf den Schering-Kurs. Im Gegenteil, die Reaktion auf die Enzyklika ermutigte dazu, der Pille eine große Zukunft vorauszusagen. Und damit auch dem Schering-Kurs.

Die Schering-Hausse löste die Aufwärtsbewegung der deutschen Ölaktien ab. Sie klang mit dem Gespräch der Vertreter der deutschen Ölunternehmen im Bundeswirtschaftsministerium aus, weil sich herausstellte, daß in absehbarer Zeit von Bonn kein Anstoß zur Schaffung eines großen deutschen Ölkonzerns ausgehen wird. Bemerkenswert ist, daß der Kurs der Gelsenkirchener Bergwerks-AG sich bisher auf seinem Spitzenstand hält. Falls es eines Tages doch noch zu einer Übernahme durch die Veba kommen sollte, so wird der Übernahmepreis nach Ansicht vieler Börsianer jetzt höher als 190 Prozent liegen müssen. Dieser Satz galt bisher als „angemessen“.

Wie zu erwarten war, hat die Vorstellung des „großen Volkswagens“ den VW-Kurs wieder in Bewegung gebracht. Er liegt aber immer noch unter seinem bisherigen Jahreshöchststand. Auch die Daimler-Aktien sind von ihrem bisherigen Spitzenstand noch um einiges entfernt, obwohl die Verwaltungserklärung auf der Hauptversammlung keinen Zweifel daran ließ, daß das Geschäftsergebnis 1968 besser werden dürfte als das für 1967. Einiges deutet darauf hin, daß sich Investment-Fonds stärker als bisher für Daimler-Aktien interessieren, für die das gleiche gilt wie für die Schering-Aktien. Ihre Barrendite ist vergleichsweise gering.

Solange die Fonds jedoch ihre Ausschüttungen durch realisierte Kursgewinne und Bezugsrechterlöse auf die von ihnen gewünschte Höhe bringen können, sind sie in der Lage, auch Papiere mit geringer Rendite ihren Portefeuilles einverleiben zu können. Hauptsache ist, daß bei ihnen die Aussicht auf weitere Kursgewinne besteht. Und das scheint bei Daimler aus heutiger Sicht der Fall zu sein. Ähnliche Erwägungen haben dazu geführt, daß Fonds auch wieder gute Kaufhauswerte erwerben. K. W.