Was paßt zu wem? – Größere Überlebenschancen bei Transplantationen

Noch bis vor wenigen Jahren, als man die ersten Nierenverpflanzungen wagte, galt die Einsicht, daß jeder gesunde Organismus eines höheren Tieres und des Menschen ein Transplantat als fremd erkennt und im Verlauf einer Immunreaktion abstößt. Ausnahmen bildeten nur Verpflanzungen zwischen eineiigen Zwillingen, da diese in genetischer und somit auch in immunologischer Hinsicht identisch sind. Um den Empfängnisorganismus trotzdem zum Akzeptieren fremden Gewebes zu bringen, mußte man erst lernen, sein Immunsystem zu umgehen.

Wenn auch über den Vorgang des Erkennens fremder (antigener) Substanzen durch den Körper bis heute noch sehr wenig bekannt ist, so ist man doch über die verschiedenen Abwehrmechanismen, die einer Immunreaktion zugrunde liegen, relativ gut informiert. Prinzipiell verlaufen sie alle nach dem gleichen Modus: ein in den Organismus eingedrungenes Antigen, sei es ein Virus, ein Bakterium oder ein implantiertes Fremdgewebe, provoziert diesen zur Synthese spezifisch gegen das jeweilige Antigen gerichteter Antikörper, die dann meist lange Zeit, oft während des ganzen weiteren Lebens, als Bestandteil der sogenannten Globulinfraktion des Bluteiweißes über den Blutkreislauf praktisch allgegenwärtig sind. Antigen und Antikörper haben komplementäre Strukturen, sie passen zusammen wie Schlüssel und Schloß. Am Ort der Infektion beziehungsweise des Transplantats kommt es zu jener entscheidenden chemischen Reaktion, mit Hilfe derer das Antigenschloß durch den Antikörperschlüssel unter Verbrauch eines weiteren, quasi als Zündstoff wirkenden Blutfaktors, genannt „Komplement“, verriegelt, das heißt zu ungefährlichen Bestandteilen abgebaut wird.

Riskante Balance

So segensreich sich nun dieser hochwirksame Abwehrmechanismus gegen bakterielle und virale Infektionen im Laufe der Evolution erwiesen hat – ohne ihn wäre die Entwicklung höherer Lebewesen sicher nicht möglich gewesen –, so hinderlich steht er heute der modernen Transplantationsmedizin im Wege, denn das Immunsystem ist gegen alle körperfremden Eiweißstoffe gerichtet; egal, ob es sich um ein pathogenes Virus oder um ein eventuell lebensrettendes Spenderorgan handelt.

Die bisher geübte Methode, den Organismus dennoch zum Akzeptieren fremden Gewebes zu zwingen, beruht auf der Anwendung der sogenannten Immunosuppression, die eine weitgehende beziehungsweise völlige Lahmlegung seines Immunsystems, das heißt seiner Fähigkeit, Antikörper zu synthetisieren, bedeutet. Dies wird beispielsweise durch Verabreichung von Zytostatika (Zellteilungshemmern) und Cortisonderivaten oder durch Bestrahlung mit der Kobaltbombe (schon relativ geringe Dosen schalten das Immunsystem aus) verhältnismäßig leicht erreicht. Der entscheidende Nachteil dieses Verfahrens liegt jedoch darin, daß es, gleichsam zwischen Scylla (Verhinderung der Abstoßung durch die Immunreaktion) und Charybdis (völlige Hilflosigkeit des immunosuppressierten Organismus gegenüber banalsten Infektionen) schwankend, den Arzt zu einem ständigen fatalen Balancieren zwischen zwei tödlichen Extremen zwingt.

Angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeit jener Methode – schon der erste Herzempfänger wurde ihr Opfer – suchen die Immunologen nach neuen, weniger riskanten Wegen zur Kontrolle des Immunsystems.