Der amerikanischeWahlkampf wirkt sich auch auf die Vietnam-Gespräche in Paris aus. Ein Vertreter Nordvietnams reagierte bereits äußerst scharf auf die Erklärungen des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Nixon zum Krieg in Vietnam, die er als ungenügend abtat. In diplomatischen Kreisen hört man die Meinung, daß Hanoi zunächst den Ausgang des demokratischen Parteikonvents abwarten wolle, ehe es den Amerikanern entgegenkomme. Unter einem Präsidenten McCarthy könnten sich die Nordvietnamesen günstigere Bedingungen erhoffen als unter Humphrey oder Nixon.

Eine anscheinend starke Gruppe in Washington drängt Präsident Johnson, das Ausbleiben der seit Wochen erwarteten neuen Offensive der Befreiungsarmee gegen Saigon als eine Geste guten Willens zu werten und diese Kampfpause diplomatisch zu nutzen. Man hält es nicht für unmöglich, daß der Präsident, um die Wahlaussichten seines Favoriten Humphrey zu verbessern, noch vor dem Parteikonvent die Bombardements nordvietnamesischen Gebietes gänzlich einstellt. Dem Prestige Nordvietnams und der NLF würde es schaden, wenn sie dann trotzdem ihre Offensive gegen Saigon starteten.

Nordvietnam hat immer erklärt, es werde ernsthaft erst verhandeln, wenn Amerika mit den Luftangriffen aufhöre. Freilich will es nur über jene Fragen sprechen, die es als Unterzeichnerstaat des Genfer Abkommens betreffen. In allen südvietnamesischen Angelegenheiten werden die Amerikaner an die NLF verwiesen.