Das Fernsehen brachte es an den Tag. Da nämlich sah sich der Schriftsteller Gerhard Zwerenz zum ersten Male Auge in Auge seinem Verband gegenüber, wenigstens einigen Mitgliedern desselben, die in der Sendung „Politik, Poeten und Proteste“ Ingeborg Drewitz (sie hatte den Verband in der ZEIT kritisiert) eine Art Schauprozeß zu machen suchten – sah sie und beschloß auf der Stelle auszutreten.

Seit dieser Zeit raschelt viel empörtes Papier auf beiden Seiten. Da der Casanova-Autor nicht versäumt hatte, die Deutsche Presseagentur von seinem Austritt in Kenntnis zu setzen, drängte es auch den Autorenverband mit Ungestüm in die Öffentlichkeit. Er nannte jene (eher zurückhaltende) Fernsehsendung „sensationslüsterne Schwarzweißmalerei“ und erwiderte auf den Vorwurf von Zwerenz (und Ingeborg Drewitz), der Verband sei „überaltert“, daß es „nur wenige junge Autoren von Rang“ gebe, die dem Verband nicht angehörten.

Nun war die Reihe wieder an Zwerenz. Er fand, daß die jetzigen Verbände die beruflichen Interessen der Autoren nur mangelhaft wahrnähmen, literarisch irrelevant seien, ein „Blättchen“ herausbrächten, das das Niveau eine Bierzeitung habe, daß schließlich der Satzungsparagraph, der die Verbände zu „unbedingter parteipolitischer und konfessioneller Neutralität verpflichtet“, eine Ideologie von Gesangvereinen oder Skatklubs darstelle, die für moderne Mitglieder eine Zumutung bedeute.

Darauf wiederum antwortete der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Schriftstellerverbände, Dieter Lattmann, Er stellte zunächst mit einer gewissen Erleichterung fest, daß es den allgemeinen Verband gar nicht gebe, sondern nur Regionalverbände. Dann, daß Zwerenz seine Vorwürfe in einem Augenblick erheben habe, da die Erneuerung von innen nachweislich begonnen habe. Im folgenden zählte Lattmann eine Liste prominenter Autoren auf, von Böll und Walser bis zu Peter O. Chotjewitz, und machte Zwerenz darauf aufmerksam, daß der gerügte Paragraph über die politische Enthaltsamkeit seit April 1968 gar nicht mehr existiere,

Zwerenz selber plant inzwischen die Gründung eines „Verbandes kritischer Schriftsteller“ für den „Tag X“.

Soweit der Krieg der Erklärungen und Gegenerklärungen. Daß Zwerenz seinen Verband erst via Bildröhre kennenlernte, macht deutlich, wie wenig Aktivität er bisher zur Erneuerung des Autorenverbandes beisteuerte. Zwerenz müßte also zerknirscht „mea culpa“ stammeln, hätte der Verband seine Aktivität und die der anderen Schriftsteller bisher nicht so wenig herausgefordert. Es ist leider so, daß man Vorwürfe der Vereinsmeierei und der Überalterung sofort zu glauben bereit ist, da solche und ähnliche Vereinigungen von den aktiven Schriftstellern („Ich habe Wichtigeres zu tun“) meist nur nominell bevölkert werden, so daß die Repräsentation vorwiegend denjenigen überlassen ist, deren schriftstellerische Tätigkeit sich eben darin erschöpft, für einen Schriftstellerverein tätig zu sein.

Da hilft es auch nichts, wenn Lattmann argumentiert, es gebe den Bundesverein gar nicht, es wimmle da nur so von namhaften Autoren, und er erneuere sich ohnehin. Das heißt doch wirklich wie jener Krugausleiher vorgehen, der, beschuldigt, einen geliehenen Krug zerbrochen zu haben, meinte, er habe ihn erstens ganz zurückgegeben, zweitens gar nicht ausgeliehen und drittens schon beschädigt geborgt bekommen.

Die Deutschen Schriftstellerverbände sind bisher eine mehr oder minder müde Interessenorganisation. Sie sind es auch deshalb, weil sie von regsameren Schriftstellern höchstens im Fernsehen betrachtet werden. Hoffentlich hat Zwerenz mit seiner geplanten Neugründung mehr Glück bei seinen Kollegen, auf die es ihm ankommt. Hellmuth Karasek