München

Den des Lesens kundigen Bürgern des Freistaats Bayern steht neue, lockere Lektüre ins Haus. Die eine erscheint zum Bundesliga-Anstoß, die andere vier Wochen später zum Anstich der Oktoberfestbierbanzen.

Am 18. August startet mit 250 000 Exemplaren die „AZ am Sonntag“, am 18. September die „tz“. Beide kommen aus wohlfeilen Münchener Häusern; die eine als Sonntagsgabe der eben 20 Jahre alt gewordenen „Abendzeitung“, die andere als Werktagssproß des Münchner Zeitungsverlags, in dem der konservative „Münchner Merkur“ erscheint. Die „AZ am Sonntag“ wirbt mit einem munteren Girl, oben fast ohne, und dem Slogan „Der schönste Tag der Woche wird noch schöner“, die „tz“, für deren Titel es keine plausible Erklärung gibt, druckte ihre erste Probeseite mit der Riesenrubrik „Jetzt werden müde Leser munter“.

Munter geworden waren die Münchner Verleger im Frühling dieses Jahres, als ihr Hamburger Kollege Axel Cäsar Springer das bayrische Anzeigenrevier nach Beute für die Regionalausgabe seiner „Bild-Zeitung“ sondierte. Das war für sie das Alarmzeichen, jahrelang auf Eis gelegte Pläne auftauen zu lassen. Noch vor ein paar Wochen jedoch wußten selbst die „Merkur“-Leute noch nichts von ihrer hauseigenen Neuentwicklung. Als der Fernsehstudio-Redakteur Erich Helmensdorfer im Verlagsgebäude gesichtet wurde, wähnten sie den telegenen Plauderer als potentiellen Mann auf dem demnächst freiwerdenden Stuhl des stellvertretenden „MM“-Chefredakteurs. Erst als sich einige jüngere „Merkur“-Redakteure über Nacht für einen Platzwechsel im Haus zu entschließen hatten, war ihnen klar, daß Helmensdorfer Chef einer neuen Postille werden würde.

Die Tabaksdose auf dem teakfarbenen Schreibtisch, sitzt er inzwischen in einem klimageregelten Großraumbüro, bemessen für 50 Mann und Schreibmädchen, des Teamgeists wegen von ihm selbst so gewünscht. An der Eisentür zu dem mit Schockfarben drapierten Büroraum klebt schlicht das Schild „Redaktion“. Helmensdorfer, der rund 1000 Lifesendungen hinter sich hat, stand kurz vor dem Abschluß eines Exklusivvertrags mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen. „Dann hätte ich aber nach Mainz müssen“ – und so entschied er sich für die Münchener Bayerstraße.

Das Zeitungsgewerbe ist ihm nicht fremd. Bevor seine Telegenität entdeckt und er „Bildschirmkasperl“ (Helmensdorfer) mit Goldener Kamera als „Hör-zu“-Trophäe wurde, war er 15 Jahre lang bei der Deutschen Presse-Agentur, zuletzt als Korrespondent in Kairo, dann bei der „Presse“ in Wien und bei der „Abendzeitung“ in München tätig. Als „tz“-Chef sieht er im Raum südlich der Donau noch einiges journalistisch unerschlossene Terrain. „In der Provinz tut sich viel“, sagt Helmensdorfer. Was der „Münchner Merkur“ vor allem in seinen 13 Heimatblättern nur in altbackener Form bieten kann, will „tz“ (zum Preis von 20 Pfennig) in Boulevardmanier verbraten. Vertraglich zugesichert ist Helmensdorfer, daß er sein Blatt parteipolitisch unabhängig machen kann.

Während beim Münchner Zeitungsverlag das Erscheinen von „tz“ mehr mit der besseren Auslastung der erneuerten Zeitungsrotation motiviert und von einem „Hineinzwängen“ in den Markt gesprochen wird, tritt die „AZ am Sonntag“ mit offenem Visier gegen „Bild am Sonntag“ an. Bereits seit längerer Zeit wurde ein mageres Sonntagsblatt der „Abendzeitung“ gemacht, das weder dem Niveau der täglichen Ausgabe entsprach noch in ernsthaften Wettbewerb mit dem Springerblatt treten konnte. Das wird jetzt anders. „AZ am Sonntag“ (50 Pfennig) wird auf über 50 Seiten alles präsentieren: „Sport, Freizeit, Steckenpferd, Gaudi und Geselligkeit, Rätsel, Film und Fernsehen. Theater, Musik. Mode und Preisausschreiben. Pop und Pep. Ein Hauch Romantik. Und eine Prise Sex.“ Und einiges mehr.