Ulm

Baden-Württemberg leidet an Durchfall. Zehn bis zwölf Prozent, in manchen Klassen sogar zwanzig bis dreißig Prozent der Gymnasiasten sind vor den Sommerferien durchgefallen. Das „Nicht versetzt“ in den Zeugnisheften hat ganze Heerscharen von Politikern und Eltern in Sorge versetzt. „Das ist die Rache der Philologen“, kommentierte ein CDU-Politiker. „Das sind die späten Folgen der zwei Kurzschuljahre“, konterte ein Oberstudiendirektor.

Nach einer ersten Übersicht scheint die Klasse 7a des Ulmer Kepler-Gymnasiums mit annähernd 40 Prozent Durchgefallenen den absoluten Rekord erzielt zu haben: elf von 28 Schülern müssen ausscheiden oder die Klasse wiederholen. Das Max-Planck-Gymnasium in Karlsruhe hält mit 16 Prozent Sitzenbleibern den Schulrekord. Es gibt zwar bis jetzt weder beim Kultusministerium noch bei den vier Oberschulämtern eine genaue Übersicht, aber es hat sich im Musterländle herumgesprochen: „So viele hat es noch nie erwischt!“

Besonders in der dritten und siebten Klasse hat es „Fünfer“ gehagelt. Diese bildeten zwar schon immer in den Gymnasien die Stolperschwellen. In der dritten Klasse kommt die zweite Fremdsprache hinzu, in der siebten beginnt der Oberstufenunterricht. „Daß es in diesen Stufen diesmal so viele erwischt hat, liegt daran, daß wir in den beiden vorangegangenen Kurzschuljahren zu viele Konzessionen machen mußten“, bekennt ein stellvertretender Schulleiter. „Das Ministerium hat von uns erwartet, daß wir beide Augen zudrücken, jetzt gab’s ein übles Erwachen“, konstatiert ein Oberstudienrat achselzuckend.

Vielleicht wäre es gut gegangen, wenn in den Gymnasien kleinere Klassen gebildet worden wären. Dann hätten die Lehrer den Lehrstoff in der um beinahe acht Monate verkürzten Schulzeit durch intensiveren Unterricht oder individuellere Betreuung vielleicht noch in die Köpfe der Schüler „hineingebracht“. Der Mangel an Lehrern und die Schulraumnot machten dies aber unmöglich. „Weniger Unterrichtszeit und größere Schulklassen, das war einfach zuviel.“

Dazu kommt noch etwas anderes – und das kann Kultusminister Hahn gefährlich werden. „Seien wir doch ehrlich! Wir haben einfach zu viele Kinder im Gymnasium, die nicht hineingehören“, erklärt eine Oberstudienrätin, die eine gemischte Klasse führt. Durch die Bildungswerbung, die mit Werbeschriften und Studentenaktionen allenthalben „angeheizt“ worden sei, hätten sich zu viele Eltern „verführen“ lassen. „Es läßt sich nicht leugnen, daß manchen Sextanern eben einfach das Rüstzeug für das Gymnasium fehlt“, so ein Studienrat.

Die einen bemängeln, die Auslese sei unzureichend – „es war falsch, daß bei vielen Schülern auf die Aufnahmeprüfung verzichtet wurde“. Die anderen bemängeln, viele Kinder hätten nicht die notwendige Hilfe bekommen – „ein Kind, das zu Hause ganz auf sich selbst gestellt ist, hat es schwer“. „Auch begabte Arbeiterkinder erreichen nicht das Ziel, wenn sie nicht richtig gefordert werden.“