Von Josef Müller-Marein

Günter Henle: „Weggenosse des Jahrhunderts“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 367 Seiten, 19,80 DM.

Der Mann, der sich „Weggenosse des Jahrhunderts“ nennt (er wurde 1899 geboren), ist sehr vermögend und einflußreich. Aber seine Geltung kommt keineswegs allein aus seinem Reichtum. Er hat die Wege, die unser Jahrhundert ihn gehen ließ, als „Diplomat, Industrieller, Politiker und Freund der Musik“ zurückgelegt (so der Untertitel seiner Selbstbiographie), und es gab Höhen und Tiefen, und manchmal wurde die gepflegte Allee zum verwachsenen, dornigen Pfad. Doch wenn es ihn hart traf, so deshalb, weil sein Land, unser Land hart getroffen wurde.

Es ist aber eben darum unserem Autor eine vorbildliche und unter jedem Aspekt faszinierende Autobiographie gelungen, weil sie uns andere deutsche, gar europäische Weggenossen noch einmal die Strecke erkennen läßt, die wir alle zurückgelegt haben.

So interessant es schon ist, daß hier ein Großindustrieller, nämlich der Chef der weltweit wirkenden Klöckner-Unternehmungen, die Konten seines Lebens offenlegt, so ist doch viel interessanter, daß es sich bei diesem vielseitigen Manne um einen Menschen aus einem Guß handelt. Schön wär’s ja, wenn die Figur des Dr. Henle, wie sie in seinem Lebensbericht zutage tritt, exemplarisch für den deutschen Großindustriellen sein könnte: diese anmutige Trockenheit des Stils, dies sichere Gefühl für das rechte Maß, diese Bescheidenheit eines Mäzenatentums, das auf gründlicher Kennerschaft beruht, dieser Respekt vor seinen Mitarbeitern, obendrein eine Lebensführung, der alles Pompöse und jegliches Brimborium fernliegen.

Das Wesentliche bei alledem ist nicht einmal, daß Dr. Henle nacheinander Diplomat, Industrieller, Politiker wurde und stets „Freund der Musik“ blieb, sondern daß dieser vom Talent her offensichtlich für die Musik bestimmte Mensch gleichzeitig all diesen Welten verhaftet war. Bis heute. Wohl werden daher die Akzente in den verschiedenen Etappen anders betont, doch nicht anders gesetzt. Die Aspekte erhalten, je nachdem, ihr eigenes Licht, aber die Perspektiven bleiben die gleichen, es sei denn, daß sie sich vertiefen. Entscheidend ist, daß wir es mit einem künstlerischen Menschen zu tun haben, den die Intuition nicht verläßt. Übrigens spricht er davon nie, weiß wohl nicht einmal, daß Intuition der Schutzengel auf seinem Wege war. Er hatte die Chance und die Mittel, ihr zu folgen. Ein glücklicher Mensch? Ein glücklicher Mensch!

Da jeder irgendwo geboren wird, rührt uns die Tatsache nicht sonderlich, daß Günter Henle aus Würzburg stammt. „Auf meine bayerische Heimat bin ich stets stolz gewesen“, so hebt die Erzählung an. Aber sofort schießt Farbe ins Bild: ins bayerische Weiß-Blau etwas wie preußisches Schwarz-Weiß.