Von Joachim Schwelien

Washington, im August

Als Richard Nixon in diesem Sommer die zehn Vorwahlen, die er einsam und ohne erklärten Gegner aus der Republikanischen Partei führte, haushoch gewonnen hatte, zog er sich in sein New Yorker Refugium zurück. Er überließ das Feld seinen schwankenden und zögernden Rivalen vom rechten und vom linken Parteiflügel, den Gouverneuren Ronald Reagan und Nelson Rockefeller.

„Ich wußte damals“, so hat er in Miami Beach seinen Freunden anvertraut, „daß mir die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten meiner Partei sicher war. Hätte ich mich bis zum Parteitag noch an der politischen Debatte beteiligt, so hätte ich meine Wahl zum Präsidentschaftskandidaten nur noch gefährden können. Solange ich schwieg, konnte ich keine Fehler mehr machen.“

Diese Kunst der Abstinenz in den spannungsgeladenen Wochen vor der Entscheidung, in denen vor allem sein Widersacher Rockefeller mit dem ganzen Aufgebot einer wohlfinanzierten Kampagne einen Stimmungsumschwung herbeizuführen versuchte, zeigt den Wandel, der sich in Richard Nixon vollzogen hat.

Vom Beginn seiner politischen Laufbahn im Jahre 1946, als er zum erstenmal als Abgeordneter eines südkalifornischen Wahlkreises in das Repräsentantenhaus gewählt wurde, über seinen Aufstieg zu nationaler Prominenz, über ein bis heute umstrittenes Verfahren, in dem er Alger Hiss, den einflußreichen Beamten des State Department, in einem Meineidsprozeß als Spion der Sowjetunion zur Strecke brachte, bis zu seiner Wahl zum Vizepräsidenten der acht Eisenhower-Jahre hat Nixon stets den Angriff bevorzugt. Immer hat er sich von Gefühlswallungen hinreißen lassen, hat die Deckung verabsäumt und oft ebenso tief wie hart zugeschlagen. Ein Zug von Unberechenbarkeit – von seinen Widersachern oft als Bösartigkeit abgestempelt – kerbt sich in seine politische Physiognomie.