Catania, im August

Nichts – und schon gar nichts Böses ahnend, bestiegen vierundachtzig sonnenhungrige Sizilienurlauber vergangene Woche auf dem Frankfurter Flughafen den Caravelle-Düsenjet der SAM (Societa aera mediteranea), einer Tochtergesellschaft der Alitalia, mit Kurs auf Catania. Kaum hatte sich die Maschine auf 8000 Meter hochgeichwungen, da meldete sich Roberto Grecchi, der Direktor der Deutschland-SAM, zu Wort und kündigte eine „besondere Überraschung“ an, die zweifellos in die Annalen sowohl der Luftfahrtgeschichte wie auch des Kunsthandels eingehen dürfte. Die Weltpremiere des ersten „Air-Art-Salons“, einer fliegenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Zum Auftakt wurde – wie bei einer zünftigen Vernissage – ein Glas Sekt kredenzt. Dann bereitete Ursula Lichter, die Inhaberin der gleichnamigen Frankfurter Galerie, die staunenden Fluggäste schonend auf die unerwartete, geradezu überfallartige Begegnung mit Pop, Op und sonstigen Kostproben avantgardischer Kunst vor: „Wir zeigen Ihnen Bilder von Malern, die mit dem Flugzeug aufgewachsen sind ... Sehen Sie einfach hin, und finden Sie es schön oder scheuß – lich.“

Präsentiert wurden – bei einer Reisegeschwindigkeit von 850 Kilometern in der Stunde und einer Außentemperatur von minus 25 Grad Celsius – insgesamt zwanzig Objekte und Bilder von zwanzig verschiedenen Künstlern aus sechs Nationen, also fast die gesamte „Speisekarte“ der Galerie Lichter, deren künstlerischer Leiter, der einfallsreiche Rochus Kowallek, die Idee zu den ganzen hatte. Jahrelang hatte er sich vergebens um einen Partner bemüht, der für seine wahrhaft „hochfliegenden“ Pläne ein Ohr hatte – bis er sich jetzt mit der SAM zusammenfand.

Als das erste Kunstwerk, ein kleines Objekt des Berliner C. O. Paeffgen, von einer Stewardeß durch denschmalen Gang der Kabine getragen wurde, gab es verdutzte Gesicher – und selbst das obligate Lächeln der Stewardeß wirkte zum ersten Male nicht gezwungen. Alsdann wurde auf einem Tablett (mit Serviette!) der „Goldschuh“, ein Auflagenobjekt der Japanerin Y. Kusama, auf den Laufsteg geschickt. Es gab, angesichts der phallusartigen Gebilde, die in der Schuh hineingesteckt waren, Gelächter. Einige der Fluggäste schnallten ihren Sitzgurt fester.

Als die Caravelle die Alpen überflog und die Maschine zu schaukeln anfing, sprach der Kapitän ein Machtwort und stoppte die Vernissage für eine halbe Stunde. „Das wäre mir in meiner Galerie nicht passiert“, kommentierte Ursula Lichter schlagfertig. Doch bevor noch der Ätna zur Linken aufmachte, passierten auch noch die restlichen Objekte und Bilder erfolgreich Revue, darunter Arbeiten von Spoeri, Beuys, Arman, Richter, Rot, Manzoni, Uecker, Mack, Goepfert, Vasarely und Dorazio. Zu Preisen zwischen 150 und 1900 Mark.

Rochus Kowallek, der sich schon längst nicht mehr damit zufrieden. gibt, in seiner Galerie in der Frankfurter Mendelssohnstraße auf Kunstkunden zu warten, trägt sich bereits mit neuen, kühnen Plänen: Die Bundesbahn scheint nicht abgeneigt, demnächst einen TEE-Expreß mit Kunst zu beladen, und Ursula Lichter ließ durchblicken, daß sie eine U-Boot-Mannschaft mit zeitgenössischer Kunst zu beglücken trachte.