Der „Fall Rheinstahl beweist, daß weder Eigentümer noch Arbeitnehmer wirklich Einfluß auf ihr Unternehmen haben

In der nächsten Woche wird Essen die wahrscheinlich turbulenteste Hauptversammlung seit Kriegsende erleben. Die Aktionäre der Rheinischen Stahlwerke werden Aufschluß darüber verlangen, wie dieses noch vor wenigen Jahren prosperierende Unternehmen in kurzer Zeit an den Rand der Pleite geführt werden konnte. Der Hauptverantwortliche für die Geschäftspolitik, Generaldirektor Werner Söhngen, hat sich der öffentlichen Auseinandersetzung durch Rücktritt entzogen – und seine Nachfolger werden es nicht leicht haben, ein Mandat für die langwierige Sanierung des Konzerns zu erhalten (S. Seite 19).

Nun sind unternehmerische Fehlentscheidungen nichts Ungewöhnliches – wie die Fälle Krupp, Stinnes, Schlieker und Borgward gezeigt haben, sind auch große Unternehmen gegen Zahlungsschwierigkeiten oder gar Konkurs nicht gefeit. Das Besondere bei Rheinstahl aber ist, daß die Misere nicht durch einsame Entscheidungen eines Firmeninhabers verursacht worden ist, sondern von einem Management, das laut Gesetz der Kontrolle eines Aufsichtsrats unterliegt und jedes Jahr den versammelten Aktionären Rede und Antwort stehen muß. Lange schon sprach man im Ruhrgebiet davon, daß es bei Rheinstahl bergab gehe und Söhngen abgelöst werden müsse. Doch Autokrat Söhngen duldete keinen Widerspruch – nicht einmal von Mitgliedern des Aufsichtsrats, die ihn doch eigentlich kontrollieren sollten.

Warum hat der Aufsichtsrat den Transaktionen nicht seine Zustimmung verweigert, warum hat er den Vorstand nicht ausgewechselt, als noch Zeit gewesen wäre? Die Antwort auf diese Frage lautet, etwas überspitzt und simplifiziert: Weil Söhngen sich seine Kontrolleure selbst gewählt hat. Und hier werden die Vorgänge bei Rheinstahl exemplarisch: Es ist keineswegs außergewöhnlich, daß bei den sogenannten Publikumsaktiengesellschaften die Zusammensetzung des Aufsichtsrats de facto vom Vorstand bestimmt wird.

Die Kontrolle des Managements funktioniert nur, wo Großaktionäre vorhanden sind: Flick und die Deutsche Bank haben zweimal die Vorstandsspitze von Daimler-Benz neu besetzt. Wo es nur Zehn- oder Hunderttausende von Kleinaktionären gibt, bleibt das „Parlament der Eigentümer“ machtlos: In der Hauptversammlung finden sich unter der Mehrheit der Claqueure und Wichtigtuer nur selten sachkundige Kritiker – alle zusammen gleich ohnmächtig, weil die Banken dank der ihnen anvertrauten Stimmen ihrer Kunden sowieso alle Entscheidungen fällen. In den Aufsichtsgremien dieser Banken aber sitzen wiederum die Manager, über deren Entlastung abgestimmt und deren Kontrolleure gewählt werden sollen.

So schließt sich der Kreis: die Manager sind nur noch sich selbst verantwortlich. Gewiß ist es Unfug, von einem „Regime der hundert Männer“ zu sprechen, die angeblich Deutschlands Wirtschaft beherrschen. Niemand aber wird bestreiten, daß eine Unternehmensverfassung gefunden werden muß, die das Entstehen einer Oligarchie verhindert und garantiert, daß sich die Mitglieder der Aufsichtsgremien wirklich als Treuhänder der Eigentümer begreifen.

Noch eines zeigt der Fall Rheinstahl: die Mitbestimmung kann dieses Problem nicht lösen. Nichts ist damit gewonnen, wenn einigen Gewerkschaftsfunktionären der Beitritt zum „Klub“ der Bankiers und Manager ermöglicht wird: die 77 000 Beschäftigten des Konzerns, die nun um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen, werden sich kaum damit trösten, daß sie im Aufsichtsrat „paritätisch vertreten waren. Diether Stolze