Von Gisela Stelly

Für jedes Häschen gibt’s ein Gräschen“, sagte der Diskussionsteilnehmer und brachte mit diesem Vergleich aus Wildbahn und Flora des Papstes Enzyklika auf einen nunmehr auch für „Laien“ handhabbaren Nenner. In der Emsstraße im westfälischen Münster ergriff den Familienvater Josef K. und seine Ehefrau Gisela K. im Verlauf dieser Fernsehdiskussion „kalte Wut“.

Neun Kinder hat Frau K. zur Welt gebracht, eines davon ist bei der Geburt gestorben. Dreizehn Jahre lang ist sie „fast ununterbrochen schwanger“ gewesen. Sie hat Fuß-, Kopf- und Quergeburten überstanden und auch Unterleibsoperationen und Krankheiten. Sie hatte die Kinder, die herangewachsenenen, zu versorgen und hatte stets Angst, daß wieder eins heranwachsen würde, in ihrem Leib.

Josef K. und seine Frau Gisela K. sind im strengen Glauben erzogene Katholiken. Sie bezeichnen sich auch jetzt noch als konservativ, was sie jedoch nicht hinderte, mich (auf ihre acht Kinder weisend) mit den Worten „wir sind die letzten Doofen der Kirche“ zu begrüßen.

Sie war 19 und er 27 Jahre alt, als sie 1943 heirateten, und 1945 bekamen sie ihr erstes Kind. Bis 1958 folgten dann die weiteren acht. „Wir haben in dem Glauben gelebt, daß man nichts dagegen tun darf. Wir haben die Kinder nur aus religiöser Überzeugung angenommen, gewollt haben wir sie nicht“, sagte sie, und ihr Mann nickte. Erst nach dem achten Kind hatte Frau K. sich vor einer weiteren Schwangerschaft geschützt. Der Beichtvater hatte keine Einwände; sie habe ja ihre Pflicht getan. Heute würde Frau K. es als ihre Pflicht ansehen, die Pille zu nehmen.

Herr K. ist Buchhändler und verdient so gut, daß er für die monatlichen Unkosten pro Kind 400 Mark veranschlagen kann. Seit fast zehn Jahren bewohnt man ein Haus mit Garten. Eine Haushaltshilfe gibt es nicht. Herr K. hat seine Familie immer satt bekommen („Wir haben auf vieles verzichten müssen“); und so sind es nicht die finanziellen Probleme, die das Ehepaar belastet haben.

„Das Kreuz der Ehe war die Kinderkriegerei“, sagte Frau K. Drei oder vier Kinder, die hätten sie schon gewollt, aber: „Wir sind auf die Kalendermethode hereingefallen.“ Acht Kinder, das sei einfach zu viel. Es seien nicht nur die physische Belastung, nicht nur die Unterleibsgeschichten, sagte Frau K.; da sei vor allem auch die psychische Belastung. Wenn die Regel nicht gekommen sei und dann, wenn es schließlich sicher war, daß sie nicht kommen würde, sei sie verzweifelt und deprimiert gewesen. Die Älteste hat später, als sie größer war, heimlich die Tage mitgezählt und gezittert, ob die Mutter schon wieder schwanger sei. Überhaupt sei das Kinderkriegen für die älteren Geschwister eine große seelische Belastung. „Und dann können wir uns um die Kinder gar nicht so kümmern, wie es andere Eltern können. Sie sind benachteiligt und kommen nicht zu ihrem Recht.“