FÜR Leser wie für Verächter moderner Gedichte oder aller Gedichte überhaupt –

„Ein Gedicht und sein Autor“, Lyrik und Essay, herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Walter Höllerer; Verlag Literarisches Colloquium, Berlin; 512 S., 12,– DM.

ES ENTHÄLT die lyrischen und essayistischen Texte, die von Lars Gustafsson, Yves Bonnefoy, Peter Rühmkorf, Vasko Popa, Miodrag Pavlovic, Tadeusz Rózewicz, Zbigniew Herbert, Charles Olson, Edoardo Sanguinetti, Robert Creeiey, Günter Grass, Miroslav Holub, Josef Hanslík, Hans Carl Artmann, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Lawrence Ferlinghetti, Andrej Wosnessenskij, Francis Ponge und Helmut Heißenbüttel auf der gleichnamigen Veranstaltungsreihe des Berliner Literarischen Colloquiums im Winter 1966/67 vorgetragen wurden, sowie die von Günter Kunert, der sie nicht selber vortragen konnte, weil er die Erlaubnis zur Reise von Ost- nach Westberlin nicht erhielt, nebst hübschen Photos der Autoren, belichtet von Renate von Mangoldt.

ES GEFÄLLT wegen seiner teuren Aufmachung bei billigem Preis. Es gefällt weiterhin, weil es die Möglichkeit bietet, die poetische Praxis einer Reihe der wichtigsten unter den zeitgenössischen Lyrikern an Hand ihrer poetologischen Auffassungen und umgekehrt diese Auffassungen an Hand dessen, was dabei herausgekommen ist, zu überprüfen. Es zeigt sich, daß Autoren, die verständliche Gedichte schreiben, auch verständlich darüber zu sprechen wissen, was bei solchen, die gern ins lyrische Dunkel tauchen, durchweg nicht der Fall ist. Andererseits scheint die Unfähigkeit, sich in diskursiver Rede über die eigene Produktion zu äußern, nicht in allen Fällen die poetische Relevanz dieser Produktion zu berühren: so, wenn Ferlinghetti statt eines Essays über sein Gedicht ein Poem in Prosa über dessen Entstehung verfaßt. Wenn aber Friederike Mayröcker es „unvorstellbar“, „unglaublich“ und „ungeheuerlich“ findet, daß sie ihre „eigene“ Poesie beschreibt, dann ist ihr insofern beizupflichten, als sie das, was sie schreibt, für „Poesie“ hält. Der Nüchternheit des Schweden Lars Gustafsson kommt von den übrigen Autoren kaum einer gleich. Ihre Essays tragen zwar zum Verständnis der einzelnen Gedichte nicht allzu viel bei, immerhin aber doch einiges zu dem der Problematik des Schreibens von Gedichten überhaupt. Helmut Salzinger