Jedermann weiß es oder kann es wissen: Der Bürgerkrieg in Biafra ist zum Völkermord gesteigert worden. Die Zentralregierung in Lagos verursacht durch ihre Blockade täglich den Hungertod von mehreren tausend Zivilisten, hauptsächlich Kindern. Die Ausrottung von acht Millionen Ibos steht bevor.

In wirtschaftlicher und machtpolitischer Konkurrenz fördern west- und osteuropäische Staaten ein Verbrechen. West und Ost werden an Biafra scheitern, wenn sie dem Begriff Koexistenz nicht durch gemeinsame Hilfe einen humanitären Sinn geben. Die Not in Biafra fordert alle zur Entscheidung.

Am 14. August sprachen die Unterzeichner beim Internationalen Roten Kreuz in Genf vor. Die Erkundigungen haben ergeben: Das Internationale Rote Kreuz handelt zur Zeit mehr diplomatisch als humanitär. Die letzte Initiative des Ministers Lindt ist gescheitert. Effektivere Hilfe ist bisher durch kirchliche Organisationen (Caritas) geleistet worden. Das Internationale Rote Kreuz sieht sich zur Ohnmacht verurteilt durch Konventionen, die Hilfe im Kriegsfall nur erlauben, wenn es sich um Krieg zwischen souveränen Staaten handelt. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sind sogenannte begrenzte Konflikte als Bürgerkrieg ausgetragen worden. Die Zivilbevölkerung bleibt schutzlos.

Zwar versucht Artikel 3 der IV. Genfer Konvention dieser Lage gerecht zu werden. (Im Falle des bewaffneten Konflikts, der keinen internationalen Charakter hat und auf dem Gebiet einer der hohen Vertragsparteien entsteht, ist jede der am Konflikt beteiligten Parteien gehalten, mindestens die folgenden Bestimmungen anzuwenden ...) Doch wie der Fall Biafra zeigt, wird dieser Artikel durch bloß legistische Auslegung wirkungslos.

Da der Bürgerkrieg in Biafra ohne die Militärhilfe vor allem aus Großbritannien und aus der Sowjetunion sich nie zum Völkermord hätte ausweiten können, ist zu fordern: sofortige Einstellung aller (auch aller indirekten) Waffenlieferungen nach Nigeria. Jede Regierung, die Waffenlieferungen nach Nigeria durchführt oder duldet, macht sich vor der Geschichte mitschuldig an einem Verbrechen, unsühnbar wie das Verbrechen Auschwitz.

Wir fordern auf zu einem weltweiten Appell: Das Internationale Rote Kreuz soll Artikel 3 der IV. Genfer Konvention im Sinne von Henri Dunant und seiner humanitären Idee kompromißlos auslegen, das bedeutet, daß die humanitäre Hilfe selbst gegen Widerstände durchgesetzt werden muß.

Alle Mitgliedstaaten des Internationalen Roten Kreuzes sollen Transportflugzeuge mit Piloten stellen. Das Internationale Rote Kreuz schätzt, daß 15 bis 20 Flugzeuge notwendig sind, um das tägliche Minimum von 250 Tonnen Lebensmittel und Medikamente transportieren zu können.