Von Tristan Marof

Ernesto Guevara gehörte dem argentinischen Bürgertum an; er entstammte einer wohlhabenden Familie kreolischer Abkunft. Von den eingesessenen großen Gutsbesitzern der argentinischen Pampa wurde seine Familie als zur einheimischen Aristokratie gehörend betrachtet. Der Name seiner Mutter, La Serna, verweist ebenfalls auf die Zugehörigkeit zur feudalen Bourgeoisie. In dieser Familie La Serna, die über großen Grundbesitz und reichen Viehbestand verfügte, fanden sich auch Intellektuelle. Guevara ist wahrscheinlich verwandt mit Carmen La Serna, einer talentierten Frau, die mehrere Sprachen sprach und von den Zeitgenossen als ebenso heiter wie geschwätzig beschrieben wurde. Sie galt zunächst als eine „comunistoide“ (womit die Argentinier mit leiser Verachtung Linksintellektuelle meinen), die behauptete, daß man Gott nun nicht mehr in der Kirche, sondern allein noch auf der Straße antreffen könne. Und dabei war sie in ihrer Jugend eine gläubige Katholikin und, wie ich glaube, auch ein führendes Mitglied ihrer Kirchengemeinde. Ein solcher Wandel ist in der südamerikanischen Gesellschaft häufig anzutreffen. Man ist eben vorübergehenden Stimmungen unterworfen. Am Ende seines Lebens kehrt man dann wieder in den Schoß der Kirche zurück.

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Warum wurde nun der „Che“ zum Revolutionär? Man muß das von Ernesto Sabato geschriebene Buch „Helden und Schatten“ lesen, um die argentinische Gesellschaft verstehen zu können, eine Gesellschaft, die sich erst seit der Diktatur von Juan Manuel de Rosas (1835 bis 1852) zu formieren begann und als Bürgertum in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts debütierte. Zu dieser Zeit hatten sich die Besitzverhältnisse konsolidiert, wurden die Landgüter umfriedet und das einst herrenlose Gelände in den Weiten der Pampa den Nachfahren der Pioniere als Eigentum zuerkannt. Zuvor war die Pampa das Eigentum aller gewesen, auch das auf der Pampa grasende Vieh war letztlich ohne Herren; und die Gauchos führten ein nicht an Gesetze gebundenes nomadenhaftes Dasein. Sie zogen von Hof zu Hof, verspotteten die Gesetze und beugten sich keiner Obrigkeit.

Als die Güter der Pampa durch Drahtzäune eingegrenzt wären, wuchs die nun schnell reich werdende Gesellschaft von Landwirten und Viehzüchtern heran, eine kreolische Gesellschaft, die zum Kern einer neuen landbesitzenden Aristokratie wurde. Aber dieser Reichtum ist nicht fleißiger Arbeit zu verdanken, sondern mehr dem Zufall und der starken Nachfrage nach argentinischem Weizen und Fleisch. Einer dieser Familien entstammt „Che“ Guevara. Als er geboren wurde, war seine Familie aber schon verarmt. Viele der alten Güter waren aufgeteilt worden, und die einstige ländliche Aristokratie wandte sich der nationalen Politik zu, nachdem sie schon mehr als 50 Jahre lang auf dem Lande geherrscht hatte.

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Inzwischen war Argentinien zu einem blühenden Lande geworden. Export und Industrialisierung haben hierzu beigetragen. Das Auftreten von Juan Peron war kein Zufall. Er verkörperte den Willen Argentiniens zur Industrialisierung. Und da er wußte, daß er hierfür nicht von den Intellektuellen und von der etablierten Gesellschaft unterstützt wurde, wandte er sich an die Land- und Fabrikarbeiter und an das Kleinbürgertum. Mit dem Mittel der Demagogie suchte er die Deklassierten zu gewinnen.