Bremen

Das ist doch humorlos“, sagte der alte Herr, zündete sich eine Zigarre an und legte die Absage zu den Akten. Humorlos erscheint dem Senior-Verleger der Bremer Nachrichten, Walther Schünemann, daß der Verlagsdirektor von „Bremens größter Tageszeitung“, dem „Weser Kurier“, nicht dabeisein will, wenn „Bremens älteste Tageszeitung“ Geburtstag am 28. August feiert. Zum Maßnehmen, wie man das macht mit einem 225. Geburtstag, indessen, hat das Greenhorn „Weser Kurier“ noch Zeit bis zum Jahre 2171. Die „Bremer Nachrichten“, eine von zwei Bremer Tageszeitungen, neuntälteste unter den erscheinenden Blättern der Welt, viertälteste Zeitung in der Bundesrepublik, sind schon jetzt soweit.

„Eigentlich“, so bekennt der 72 Jahre alte Senior, „wollten wir nicht groß feiern. Das liegt Schünemanns nicht. Tamtam ist nicht bremisch. Aber unsere Freunde haben uns überzeugt. Wir haben Anlaß, stolz zu sein, und werden ein würdiges Fest veranstalten.“

Walther Schünemann und Sohn Carl-Fritz sind vierte und fünfte Inhaber-Generation der Bremer Nachrichten. 1743 begann es mit den Bremer wöchentlichen Nachrichten als amtliches Mitteilungsblatt des Senats. Da ging es um „Mobilien, Moventien und allerhand Waaren, so öffentlich verkauft werden sollen“, um „Avertissements“ und um „Sachen, so unter der Hand zu verkaufen“. 1870 wurde die Druckerei Carl Schünemann Besitzerin des Blattes. Die von nun an politische Weser-Zeitung mit liberalem Kurs eroberte sich als Meinungsblatt Respekt und Leser.

Den Nazis schmeckte die Richtung weniger. Der Präsident der Reichspressekammer schickte Schünemanns am 13. Juli 1936 einen Brief ins Haus, der sich wie ein schlechter Roman liest: „Die ‚Bremer Nachrichten‘ haben die NSDAP und die nationalsozialistische Bewegung bis zur Machtübernahme in einer sehr gehässigen Weise bekämpft. Als besonders verwerflich ist die wiederholte Gleichsetzung des Nationalsozialismus mit dem Kommunismus und dem Marxismus sowie des nationalsozialistischen Gedankengutes mit marxistischen Ideen hervorzuheben.“ Wegen „Nichterfüllung der den Verlegern im nationalsozialistischen Staat gestellten Aufgaben“ wurden Schünemanns aus der Reichspressekammer ausgeschlossen, sie durften das Blatt nicht mehr herausgeben. Unter neuen, linientreuen Herren ging der Druck weiter.

Schünemanns Versuch, nach Kriegsende wieder Herr im eigenen Hause zu werden, mißlang. Er bekam keine Lizenz. Die Neugründung „Weser Kurier“ mit dem späteren Bundespressechef Felix von Eckardt als Chefredakteur, mußte als ungebetener Gast im Haus und an den Druckmaschinen aufgenommen werden. Als die „Bremer Nachrichten“ 1949 wieder erscheinen konnten, hatte die junge Konkurrenz weitgehend den Markt der Leser gewonnen. Lange Zeit taten sich die alten, neuen „Bremer Nachrichten“ im sozialdemokratischen Stadtstaat schwer beim Pfadfinden zwischen restaurativ Traditionellem und Versuchen, modern zu sein. Unter dem jungen Chefredakteur Walter Steinhage aber wurde ein Aufschwung offensichtlich, die Auflage kletterte auf 55 000 Exemplare.

Sollte am 28. August 1968 nach dem offiziellen Festakt im Rathaus beim Sekt ein sangesfroher Gast das Kneipenlied „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit“ anstimmen, sollte das Jubiläum musikalisch eskalieren zum Chor „Wir halten fest und treu zusammen“ – unbremisch dürfte niemand es schelten. Komponist der beiden Songs ist Herr Kunoth, „Bremer-Nachrichten“-Chef während der zwanziger Jahre. Und mit dem kunothschen-bremischen „Hipp, hipp, hurra!“ auf bärtigen Lippen – so wird versichert – seien auch 1959 die Rebellen von Kuba in die Hauptstadt gestürmt. Lilo Weinsheimer