Karl Schiller wird keinen leichten Stand haben, wenn er am kommenden Montag in London mit Schatzkanzler Jenkins zusammentrifft. Der deutsche Wirtschaftsminister wird sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, eine allzu erfolgreiche Politik zu betreiben. Während die deutsche Industrie mühelos neue Exportrekorde erzielt, wartet die Labour-Regierung seit neun Monaten auf die Früchte der Abwertung des Pfundes: Niemand kann sagen, ob die Verminderung des englischen Außenhandelsdefizits in den letzten Wochen von Dauer sein wird.

Die Abwertung im November 1967 sei nicht drastisch genug gewesen, sagen britische Experten. Sie ziehen die Folgerung, daß – da das Pfund nicht schon wieder abgewertet werden kann – die Mark aufgewertet werden muß, um der britischen Industrie wenigstens gegenüber ihrem gefährlichsten Konkurrenten einen Preisvorsprung zu verschaffen. Keine Woche vergeht, in der nicht mindestens eine englische Zeitung eine Aufwertung der Mark fordert.

Aber Bonn wird nicht nur von London unter Druck gesetzt. Auch Frankreich, dem als Folge der Lohnzugeständnisse nach dem Mai-Aufruhr ein inflationärer Preisauftrieb droht, möchte seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der deutschen Konkurrenz verbessern. In der Londoner City will man wissen, Paris habe Strauß und Schiller eine Aufwertung der Mark und gleichzeitig Abwertung des Franc um je fünf Prozent vorgeschlagen. Und in Washington zeigt man sich über die „Explosion“ der deutschen Ausfuhr in die USA beunruhigt: in den ersten sechs Monaten hat die deutsche Industrie Waren im Wert von 5,2 Milliarden Mark in den Vereinigten Staaten abgesetzt, 45 Prozent mehr als in der gleichen Zeit 1967.

Der Wunsch unserer Partner, der allzu erfolgreichen Konkurrenz einen Dämpfer aufzusetzen, ist durchaus verständlich. Er trifft sich mit den Bestrebungen einiger Leute in der Bundesrepublik, die in einer Änderung des Wechselkurses ein Mittel sehen, das uns davor bewahren könnte, die Inflation der anderen nachzuholen. Dennoch sollte Schiller gegen den Druck von außen wie gegen die Lockungen von innen standfest bleiben: eine neue Aufwertung der Mark würde weit mehr Schaden als Nutzen stiften.

Um nur drei Argumente gegen eine Änderung des Wechselkurses anzuführen:

  • Nach der Aufwertung 1961 sind die Preise nicht langsamer, sondern schneller gestiegen als vorher. Die Erfahrung zeigt, daß Stabilität des Preisniveaus nicht durch Wechselkursmanipulation gesichert werden kann, sondern nur durch konjunkturgerechte Fiskal- und Lohnpolitik.

• Eine Aufwertung würde unseren Konkurrenten nur wenig Entlastung bringen, weil viele Unternehmen lieber mit geringem Gewinn oder gar Verlust weiter exportieren werden, um mühsam gewonnene Kunden auf dem Weltmarkt nicht zu verlieren.