Die Delegierten des am Montag in Chicago beginnenden Parteikonvents der Demokraten werden ihren Präsidentschaftskandidaten hinter Stacheldraht wählen müssen. Zweitausend Polizisten, FBI-Agenten und Bombenexperten, Nationalgarde und Luftaufklärung sollen die Versammlung vor Aufruhr, Happenings, Sit-ins und anderen Demonstrationen schützen.

Dennoch wird der Parteitag nicht ruhig verlaufen: Amerika erwartet mit Spannung den Ausgang des Duells der beiden Hauptbewerber um die Nominierung, Senator Eugene McCarthy und Vizepräsident Hubert Humphrey. Am stärksten differieren die Ansichten beider Kandidaten in der Vietnamfrage:

  • McCarthy fordert, sofort die Bombardierung von Nord-Vietnam einzustellen und eine Koalitionsregierung in Südvietnam zu bilden.
  • Humphrey lehnt eine Koalition mit den Kommunisten in Südvietnam ab, wünscht jedoch ebenfalls eine politische Lösung.

Die unterschiedlichen Meinungen prallen zum erstenmal bei der Formulierung des Wahlprogramms aufeinander, das vor der Personalentscheidung von den Delegierten akzeptiert werden muß.

Humphrey hat die meisten Aussichten, vom Konvent nominiert zu werden. Mindestens 1246 der 2622 Delegierten sind ihm sicher, nur 66 weniger als die Hälfte der Delegierten, die er benötigt. McCarthy kann auf etwa 480 Stimmen rechnen.

Noch zwei andere Kandidaten sind im Rennen, denen jedoch keine Chancen eingeräumt werden: Der Senator von Süd-Dakota, George McGovern, rechnet mit der Unterstützung der ehemaligen Kennedy-Anhänger. Der Gouverneur von Georgia, Lester Maddox, gilt als Vertreter des extremen Rassismus in den Südstaaten.

Die Meinungsumfragen geben zwar McCarthy die meisten Chancen, die Wahl im November zu gewinnen. Aber bei vielen Delegierten haben diese Ergebnisse keinen Einfluß hinterlassen, da sie davon überzeugt sind, daß der Kandidat der Republikaner, Richard Nixon, einen Humphrey nicht bedrohlich werden könnte.