Geradstetten

Die Sache mit dem Remstaler Obsthändler Helmut Palmer sollte am 29. Juli ihr vorläufiges Ende finden. An diesem Tag sollte er in Stammheim eine zehnmonatige Gefängnisstrafe antreten. Im letzten Augenblick erreichten Studenten und Obsterzeugerkunden Palmers mit ihrem Appell beim baden-württembergischen Justizministerium Strafaufschub. Wenn der Justizminister aus Amerika zurück ist, wird er endgültig entscheiden.

Die Beleidigung eines Polizisten war Palmers letzte Untat, die man ihm nicht mehr zur Bewährung aussetzen wollte, weil er nun genug beleidigt hätte.

Seit siebzehn Jahren kämpft Helmut Palmer gegen die schwäbische Behördengesellschaft, errang zwar manchmal Teilerfolge, wurde aber letzten Endes von ihr bezwungen. Würde man Palmer jedoch mit einem Michael Kohlhaas vergleichen, machte man es sich zu einfach, genauso einfach wie jene, die jetzt glauben, mit ihm lange genug Geduld gehabt zu haben.

Der Ort, in dem der 38jährige Helmut Palmer lebt, heißt Geradstetten. „Ein Dörflein schmuck am Bergeshang mit einem Bauernvolk so herb und schlicht“, wie ein Heimatdichter dichtete und der für seinen Bürgermeister Wilhelm Gayer zu den großen Männern des Ortes zählt. Ein großer Mann ist Gayer selbst. Von 1939 bis 1945 war er nationalsozialistischer, seit 1950 ist er christlichdemokratischer Bürgermeister. „Unter seiner Regie begann der eigentliche Aufschwung der Gemeinde“, heißt es in einer Festschrift zum Heimatfest. Noch nie war das schmucke Dörflein so schmuck (11,6 Prozent NPD-Wähler), noch nie waren seine Straßen so sauber gefegt und ein jedes Haus so lieblich mit Blumen garniert, außer einem einzigen. Es steht sichtbar an der Ecke der Dorfhauptstraße, und in seinen Fenstern stehen statt der Geranien Plakate.

Die Konkurrenz des Heimatdichters liest sich anders: „Man darf Bürger als Saujuden bezeichnen und amtlich mißhandeln, aber Verbrecher und Nazis sind staatlich geschützt!“ oder „Bin solidarisch mit Rudi Dutschke!“ oder „Dieser Wagen ist ideal, um den letzten Halbjuden von Geradstetten zu vergasen. Deshalb biete ich denselben den alten und neuen Nazis an!“ Bürgermeister Gayer mag diese Plakate nicht. Aber es ist Palmers Haus, und Palmer hat seine Gründe. Er wohnt hier seit seinem dritten Lebensjahr.

Als unehelicher Sohn einer Geradstetterin und eines jüdischen Vaters 1930 geboren, wuchs er bei den Großeltern auf. Die Mutter zog in die Stadt, um sich eine Existenz aufzubauen, Helmuts Vater emigrierte. Das war 1933. Palmer war und blieb das jüdische Kind, das stank und mit dem man nicht spielen wollte, auch dann nicht, als er bat, zehnjährig in die Hitlerjugend eintreten zu dürfen, damit sein Außenseitertum ein Ende hätte.