Schlagartig haben sowjetische Truppen, Verbände der ostdeutschen Volksarmee, Polens, Ungarns und Bulgariens in der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 die Tschechoslowakei besetzt. Die Ostblockstaaten beriefen sich auf angebliche Hilferufe von „dem Sozialismus treu ergebenen Persönlichkeiten“ in Staat und Partei der ČSSR. Die Staats- und Parteiführung in Prag erklärte jedoch in einem Rundfunkaufruf an die Bevölkerung, die Invasion geschehe ohne ihr Wissen. Armee und Volksmiliz wurden angewiesen, den Besatzungstruppen keinen Widerstand zu leisten.

Die ersten ausländischen Truppen überschritten kurz vor Mitternacht die Grenzen des Landes. Innerhalb weniger Stunden landeten mehr als 200 sowjetische Transportflugzeuge mit Fallschirmjägern und schweren Waffen auf den Flugplätzen rund um Prag. Die Operationen waren in den letzten Wochen in ausgedehnten Manövern vom Oberkommando des Warschauer Pakts vorbereitet worden. Prag wurde von sowjetischen und polnischen Truppen besetzt; die Ungarn marschierten in Kaschau ein, deutsche Truppen in Pilsen.

In ohnmächtiger Wut zogen in Prag einige Hundert Demonstranten den Besatzern entgegen. Sie wurden durch Maschinengewehrfeuer und Panzer- – kanonen auseinandergetrieben. Radio Prag verbreitete noch um 8 Uhr morgens eine Rede Staatspräsident Svobodas: „In der gegenwärtigen Stunde kann ich Ihnen als Präsident der ČSSR nicht mehr sagen als euch zu bitten, vollkommene Ruhe und Besonnenheit zu bewahren“, sagte er mit niedergeschlagener Stimme. Das Volk solle wie in den vergangenen Tagen Würde und Disziplin zeigen.

Sowjetische Flugzeuge warfen über dem Land Flugblätter ab, in denen der abgesetzte Staatspräsident Novotny als rechtmäßiges Staatsoberhaupt bezeichnet wurde. Ein Sender der Besatzungstruppen wandte sich unter dem Namen „Radio Moldau“ an die Bevölkerung; die Rundfunksprecher hatten deutschen Akzent.

Aus allen Teilen des Landes gingen in den Vormittagsstunden des Mittwochs noch Solidaritätserklärungen für die Prager Reformer ein. Die Redakteure des Zentralorgans der KPČ, Rude Pravo, erklärten in einer Sonderausgabe: „Wir stehen hinter Dubček“; diese Erklärung war um so beachtlicher, als noch am Dienstag Chefredakteur Svestka, der als orthodoxer Kommunist galt, vor zu weit gehender Liberalisierung gewarnt hatte.

Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS rechtfertigte den Einmarsch mit den Lebens- und Sicherheitsinteressen der Ostblockstaaten. Die Truppen würden sofort aus der ČSSR herausgeführt, „sobald die rechtmäßige Staatsmacht die Meinung vertritt, daß für einen weiteren Aufenthalt... keine Notwendigkeit mehr besteht“.

Aufschlußreich war die Erklärung des SED-Zentralkomitees und der DDR-Staatsführung, die am Mittwochmorgen in halbstündigen Abständen von den Sendern der DDR übertragen wurde. Darin hieß es, ein verschärfter Rechtskurs einer Gruppe im Präsidium der KPČ unter Führung von Alexander Dubček habe eine akute politische Krise in der ČSSR ausgelöst. Diese Gruppe habe öffentlich Zustimmung zu den Preßburger Beschlüssen geheuchelt, aber gleichzeitig eine heimtückische Kampagne antisozialistischer Kräfte gegen diese Beschlüsse zugelassen.