Jetzt ist kein Zweifel mehr möglich: Alle Versuche, einen politischen Kompromiß zwischen Nigeria und Biafra zustande zu bringen, sind gescheitert. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

In Lagos wurde die Devise ausgegeben: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Und so soll denn nun die letzte umfassende Offensive das zustande bringen, was den Diplomaten und Vermittlern nicht gelang, die Beendigung des Krieges. Er werde vierzehn Tage brauchen, "um die Sache zu erledigen", meinte Adelkunle, der Kommandeur der Südfront, der durch seine blutrünstigen Aussprüche bekannt geworden ist.

Die nigerianische Regierung nimmt an, der Widerstand Biafras werde zusammenbrechen, wenn die drei letzten Städte Aba, Umuahia und Owerri gefallen sind, aber niemand vermag zu sagen, ob diese Annahme richtig ist. Es wäre gut möglich, daß monatelange Guerillakämpfe sich anschließen – in denen dann die Versorgung der Bevölkerung wieder unmöglich wäre –, denn von allem Anbeginn gab es in diesem Krieg nur Emotionen und kein kühles Abwägen von Mögichkeiten und Risiken vom größeren gegen das kleinere Übel.

Zu Recht oder Unrecht, Biafra glaubt, die Zentralregierung sei entschlossen, den Ibos keinen "Lebensraum" zu lassen – übrigens wahrscheinlich zu Unrecht, denn heute noch leben und arbeiten (zum Teil in hohen Positionen) mehr als zwanzigtausend Ibos in Lagos. Aber da war die Erinnerung an das schreckliche Pogrom von 1966, und so kam die Vorstellung auf, der Stamm der Ibos sei zum Untergang verurteilt, wenn er sich nicht seinen eigenen Staat schaffe. Und da Vorstellungen nun einmal stärker sind als Realitäten, konnte Ojukwu mit Billigung seines ganzen Volkes den totalen Krieg verkünden – und so kann es geschehen, daß täglich hundertmal mehr Zivilisten sterben als Soldaten.

Denjenigen, den gelegentlich das stolze Gefühl erfüllt, in einer Zivilistion bisher ungeahnter Möglichkeiten und nie erträumter Fertigkeiten zu leben: in einer Welt der Herzverpflanzungen, der Mondlandung sowie der Massenausbreitung von Wissen und Unterricht durch Film und Fernsehen, der braucht nur einen Blick auf die sterbenden Kinder zu werfen, die mit riesigen verängstigten Augen in die Linsen der Fernsehkameras blicken, um von dem Gefühl der eigenen Ohnmacht überwältigt zu werden. Wieder heißt es, wie bei der SS, wie bei Tibet 1951, in Budapest 1956: "Da kann man nichts machen".

Die UN tut, als ginge das Ganze sie nichts an, weil sie im Kongo schlimme Erfahrungen gemacht hat. Die Mehrzahl der anderen afrikanischen Staaten befürchtet, daß die Desintegration der Stämme auch auf ihr Gebiet übergreifen könnte, wenn sie die Sezession von Biafra billigen. Vielleicht gibt es unter ihnen auch einige, die heimlich meinen, Nigeria sei eigentlich reichlich groß und ein bißchen Absplitterung täte ihm ganz gut. Die Amerikaner und die Europäer halten sich zurück, weil sie Angst vor dem Vorwurf des Neokolonialismus haben. Die Mächte aber, die sich einmischen, Großbritannien und die Sowjetunion (ihre politischen Interessen sind stärker als ihre Angst vor Vorwürfen), sie beide haben entscheidend dazu beigetragen, den Konflikt erst in jene Größenordnung hinaufzustufen, in der es wirklich um Ausrottung geht.

In der sowjetischen Zeitschrift "Das XX. Jahrhundert und der Frieden steht in der Juli-Nummer unter Nachrichten aus Kuibyschew: "Die Kuibyschewer sprachen ihre Solidarität mit der Jugend im Kampf gegen den Militarismus aus, begingen den Tag der Solidarität mit den Völkern Afrikas und den Tag des Schutzes der Kinder vor der Gefahr eines neuen Krieges. Während dieser Feste wurden Friedensalleen und -parks angelegt." Wenn man das liest, versteht man, warum Moskau unter keinen Umständen Pressefreiheit zulassen kann: Was würde das russische Volk, das wie kein anderes die Eigenschaft des Mitleids besitzt und das wirklich glaubt, in aller Welt der Garant des Friedens zu sein – was würde es wohl sagen, wenn es die Bilder jener Kinder sähe, die – weil sich Lagos mit sowjetischen Migs und schweren Waffen Geltung verschafft – dem langsamen Hungertod ausgeliefert werden.