Wieder rollen sowjetische Panzer über eine Grenze, steht ein Volk ohnmächtig am Straßenrand und sieht schweigend dem Einmarsch der Zwingherren zu – wie 1956 in Ungarn. Wieder dröhnt Geschützdonner, werden Barrikaden errichtet, sind Pflastersteine die einzige Waffe der Bürger – wie 1953 in der DDR.

Und wieder marschieren deutsche Soldaten, „die Reihen fest geschlossen“, in die Tschechoslowakei ein – wie 1939 unter Hitler. Ein gespenstisches Bild. Die Geschichte erspart diesem Volk – diesen beiden Völkern – auch wirklich nichts, nicht einmal diese letzte Erniedrigung, diese neuerliche Scham. Arme ČSSR. Und: Armes Deutschland.

Nun haben die Sowjets mit ihrem Entschluß, in Prag einzumarschieren, die Entwicklung der Welt wieder um viele Jahre zurückgeworfen. Drohend ziehen die Schatten der kalten Krieger am Horizont herauf und begleiten den Marschtritt der Warschauer-Pakt-Brigaden. Wohin wird dieser Weg sie führen?

Marion Gräfin Dönhoff