Von Michael Jungblut

Bozen, im August

In Südfrankreich leben Autofahrer zur Zeit gefährlich. Empörte Bauern machen die Straßen unsicher. Aus Unmut über die schlechten Preise kippten aufsässige Landwirte Pfirsiche, Birnen und Pflaumen tonnenweise auf die Landstraßen. Manches vollgepackte Touristenauto geriet in dem glitschigen Obstbrei gefährlich ins Schleudern.

Im Departement Drôme Übergossen Bauern zweihundert Tonnen Obst mit Dieselöl und luden es auf dem Müllplatz ab. Sie griffen zur Selbsthilfe, obwohl staatliche französische Stellen bereits viele Tausend Tonnen Pfirsiche aufgekauft haben. Insgesamt sollen allein in Frankreich in diesem Jahr 500 000 Tonnen Obst und Gemüse auf Kosten des europäischen Steuerzahlers vernichtet, oder wie es im Technokratenjargon heißt, „aus dem Markt genommen“ werden.

Nicht nur französische Bauern jammern über den Segen. Auch in Italien, Holland und Belgien weiß man mit dem Überschuß nichts Rechtes anzufangen. Der Deutsche Bauernverband schließlich lamentiert, daß die Bundesrepublik „zum europäischen Abladeplatz von Obst aus der ganzen Welt“ geworden ist. Voll Neid schielen seine Funktionäre nach Frankreich und Italien, wo die Landwirte ihre Obstüberschüsse gegen gute Bezahlung auf den Abfall kippen dürfen.

Unter dem Druck der grünen Interessenten hat sich der Europäische Ministerrat 1964 gegen den einsamen Widerstand der Bundesregierung bereit erklärt, auf den Obstmärkten zu intervenieren, wenn bei guten Ernten die Verbraucherpreise fallen. Jeweils bis zu 240 Millionen Mark (das entspricht etwa der jährlichen Lohnsteuer von 200 000 Industriearbeitern) sollten in den Jahren von 1967 bis 1969 für den Ankauf und die Vernichtung von Obst und Gemüse aufgewendet werden.

Nur der deutsche Landwirtschaftsminister erkannte die politische Brisanz solcher Aktionen in einer Welt, in der immer noch Millionen Menschen hungern. Auch mochte er seinen Landsleuten, die zweimal in einer Generation darben mußten, nicht gern erklären, wieso es gute Agrarpolitik sein könne, Nahrungsmittel zu vernichten. Er setzte im EWG-Ministerrat durch, daß es jedem Land überlassen bleibt, ob es bei Rekordernten die Vernichtung von Obst und Gemüse mit Subventionen belohnt.