Im Bauamt von Marl: Akten, Antragsteller, Ermessensspielräume

Von Nina Grunenberg

Das erste, was mir auffiel, war die einsame Akte auf der blanken Tischplatte. Es war die Akte „Grunenberg“. Als Franz Pieper, der Dezernent der Bauverwaltung in Marl, unser Gespräch eröffnete, verweilte sein Blick darauf. Die Akte enthielt nicht mehr als meinen Brief an Stadtdirektor Hans Oehler. Inzwischen wird noch eine Aktennotiz über den Verlauf meines Besuches dazugekommen sein. In dieser Woche wahrscheinlich wird noch mein Bericht darin abgeheftet werden. Wenn alles glatt geht, ist der Vorgang damit beendet. Irgendwann wird er in einem Aktenkeller landen und – nach Einhaltung der vorgeschriebenen Lagerzeit – durch den Zerreißwolf gedreht.

Das ist das eine, was die Akte demonstrierte: Ordnung muß sein.

Wenn nicht alles glatt geht, wird ein zweiter Punkt wichtig. An Hand der Akte kann nachgeprüft werden, wer die Verantwortung trägt: die Verantwortung dafür, daß mein Brief gelesen wurde; die Verantwortung dafür, daß er beantwortet wurde und wie und warum das nicht schriftlich, sondern mündlich geschah; die Verantwortung dafür, daß man mir etwas gesagt hat und was; die Verantwortung womöglich, die eigentlich nur ich habe, nämlich daß ich geschrieben habe und was.

Warum das so ist, und, mehr noch, warum das so sein muß, das habe ich in Marl gelernt. Die Beamten in der Marler Bauverwaltung, meine Freunde, haben viel Zeit, Geduld und Mühe aufgewandt, um mir ihre Arbeit zu erklären. Sie hatten ja auch noch das Wort ihres Stadtdirektors Oehler, der ihnen gut zugeredet hatte: „Beantworten Sie ihr jede Frage, auch wenn sie Ihrer Meinung nach dumm fragt.“

Erster Tag in Marl.