Der verhängnisvolle Streit zwischen Karl Marx und Michael Bakunin

Von Rolf Bigler

Es gilt, von einem Mann zu berichten, dessen Namen beinahe keiner mehr nennt: Michael Alexandrowitsch Bakunin.

Es gilt, den Karl Marx vorzustellen, welcher der Herrlichkeit seiner eigenen Gedanken hörig wurde und als erster orthodoxer Marxist die Reinheit der Lehre bedenkenlos über alles erhob und von allen Freiheiten diejenige des Andersdenkenden am schäbigsten verachtete.

Es gilt, die aus einer lauen Freundschaft geborene Sternenfeindschaft zwischen dem genialen deutschbürtigen Wissenschaftler und dem rastlosen russischen Doktrinär der Freiheit zu betrachten in der Zeit des Studentenaufstands, dieser Rebellion, die gierig die Ziehmilch einer falschen Amme trinkt und deshalb noch immer „Marx“ kräht, wenn sie „Bakunin“ meint, und „Lenin“ lallt, wenn sie „Kronstadt“ sagen sollte.

Es gilt dadurch die Kinderstube dieses Aufstands etwas in Ordnung zu bringen, nicht um der Ordnung willen, sondern zum Nutz und Frommen dieses Aufstands selbst: damit er sich schon frühzeitig, seiner Abkunft eingedenk, am seine Pflichten besinne und seinen Lebenszweck erkenne.

So gilt es schließlich, neben die von zahllosen Propheten verkündete marxistische Wahrheit die ungleich weniger verbreitete anarchistische Bakunins zu stellen und angesichts beider zu erkennen, daß ein menschenwürdiger Sozialismus beider Wahrheiten bedarf. Dieser demokratische Sozialismus, von dem die Studenten im Osten und im Westen deutlicher oder undeutlicher, schwärmerisch oder nüchtern träumen, trägt einen Januskopf: ein Antlitz scheint Karl Marx, das andere Michael Bakunin zu gehören.