Jean-Philippe Rameau: „Hippolyte et Aricie“; Shirley-Quirk, Tear, Baker, Hickey, Woodland u. a., Englisches Kammerorchester, St. Anthony Singers, Leitung: Anthony Lewis; Telefunken SAWO 9972/4-B, 63,– DM.

Die Kritik fand 1733: „Die Arien sind auf ihre Art neu – mehr tatarisch als französisch; aber wir wollen ihnen gegenüber höflich sein wie gegenüber Menschen, denen wir zum ersten Male begegnen.“ Und wie immer, wenn sich an einer Neuheit die Parteien reiben, stieg das Prestige des Autors: Nach der Uraufführung von „Hippolyte et Aricie“ wurde der bis dahin allenfalls als glänzender Organist renommierte Rameau eine der bekanntesten und wichtigsten Figuren im musikalischen Paris Ludwigs XV.

Das Neue in seinen Arien: Ausdruck, gestützt auf so moderne Kategorien wie Harmonik und Instrumentation. Diderot: „Vor ihm hat keiner die delikaten Nuancen zwischen Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, Sinnlichkeit und Leidenschaft, Leidenschaft und Wollust unterschieden.“ Waldweben mit Vogelgesang und Mondlicht und selbstmörderische Griffe zum Schwert, keusche Huldigungstänze der Priesterinnen und ein feuerspeiendes Meeresungeheuer, Schäfer und Schäferinnen und Pluto in der Unterwelt, Eifersucht und Happy-End – in dieser fünfaktigen „lyrischen Tragödie“ überstürzen sich die Stimmungsgegensätze. Daß sie mit den Mitteln der „Barockmusik“ zu formulieren waren, hatte man beinahe vergessen.

Ein gerade auf die französische Spielart des Barock spezialisiertes Ensemble macht aus der Halboper kein Stück für riesigen Bühnenzauber, sondern doch mehr ein Oratorium, aparte Klänge sind hier wichtiger als irgendein Bühnengeschehen. Rameaus Außergewöhnlichkeit profitiert davon. Eine harmlos-naive Theaterkleinigkeit, aber ein prachtvolles und vielseitiges musikalisches Opus, interessant für Leute, die ein klingendes Beispiel zu ihrer Lektüre über den Pariser Buffonistenstreit suchen – und damit etwas speziell; oder für Liebhaber musikalischer Miniaturen, am Kamin zu hören – und damit ebenfalls speziell. Heinz Josef Herbort