Von Hansjakob Stehle

Einmarsch und Besetzung – immer schon war dies die letzte, im Grunde ohnmächtige Antwort derer, die nicht der Kraft ihrer Ideen, sondern nur der Macht ihrer Bajonette vertrauten.

Kaum drei Wochen nach dem Burgfrieden von Bratislava hat sich die sowjetische Führung zu jenem Schritt hinreißen lassen, zu dem ihr das kurzsichtige Denken ihrer Militärs schon lange riet. In Cierna und Bratislava hatte die Vernunft, hatten vor allem die gemeinsamen langfristigen Interessen der sozialistischen Länder noch einmal vor dem Interesse der sowjetischen Führungsmacht rangiert. Aber der Prestigeverlust, der mit dem allzu spät erzielten Ergebnis von Bratislava schon verknüpft war, die Unmöglichkeit auch für die Prager Reformkommunisten, ihren Kurs den Wünschen Moskaus anzupassen, hat die Generale auf den Plan gerufen.

Sie fühlen sich nach internationalem Brauch nur dort sicher, wo ihre Stiefel stehen. Für sie haben vermeintliche strategische Risiken schwerer gewogen als psychologische Rücksichten, auch die auf die kommunistischen Parteien der Welt. Einen Vorwand boten einige wenige gegen Moskau gezielte Artikel der – in diesem Punkt auf Selbstdisziplin bedachten – tschechoslowakischen Zeitungen.

Aber es gab keinen akuten Anlaß dafür, daß die kommunistischen „Verbündeten“ in der Nacht zum 21. August plötzlich, ohne Wissen der legalen Prager Staatsführung, unter Bruch bestehender, eben wieder beschworener Abmachungen, militärisch intervenierten.

Wohl aber hatte es Tage vorher Anzeichen der Vorbereitung gegeben, angebliche Manöver an der Süd- und Nordgrenze der Tschechoslowakei, Blitzreisen der sowjetischen Generalität. Schon Anfang der Woche waren in Kreisen östlicher Diplomaten Prags und Wiens besorgte Andeutungen zu hören gewesen, wonach hochgestellte sowjetische Befehlshaber auf Einwände verbündeter Kameraden kaum mehr ansprechbar seien und nur noch von einer „militärischen Lösung“ redeten.

Noch weiß niemand, wann und wie die verhängnisvolle Entscheidung fiel, mit der das sowjetische Zentralkomitee in seiner Sondersitzung am Dienstag konfrontiert wurde und die nun – wie Radio Prag am Mittwoch um 8.45 Uhr sagte – als „Schande für den Sozialismus“ in die Geschichte eingehen wird.