Nicht weniger als 127 Fahnen flattern dicht gestaffelt vor der Hofburg zu Wien. Regierungsdelegationen aus mehr als siebzig Ländern sind der Einladung der Vereinten Nationen gefolgt und diskutieren in der prunkvollen, ehemaligen Residenz von Kaiser Franz Josef über die friedliche Nutzung des Weltalls.

Doch wenn es auf der Konferenz auch betont unpolitisch zugeht und man auf allen Seiten bemüht ist, das Gemeinsame hervorzuheben und den angeblich ausschließlich friedlichen Charakter der Raumfahrt zu unterstreichen, so läßt sich doch auf dem Mammuttreffen, das bis zum 27. August dauern soll, eines nicht übersehen: Im Weltraum spielen genau wie auf der Erde Politik und Wirtschaft, die Eigeninteressen von Nationen und Staatengruppen die entscheidende Rolle. Zwar versuchen die Vereinten Nationen, den großen Nutzen, den die Raumfahrt heute schon abwirft – insbesondere auf dem Gebiet der Fernmeldeverbindungen über Satelliten – allen ihren Mitgliedsstaaten gleichermaßen nutzbar zu machen, doch daß es hier zur Kollision der Interessen kommt, wurde schon am Eröffnungstage, dem 14. August, deutlich. Ein Angebot der Russen, ihr „Molniya“-Fernmelde-Satelliten-System mit dem „Intelsat“-System der westlichen und neutralen Länder zu einem weltweiten „Intersputnik“-System zu koppeln, stieß auf die Ablehnung der Amerikaner. Ein Sprecher des US-State-Departements meinte, daß heute schon 95 Prozent des Fernmeldeverkehrs per Satelliten über das Intelsat-Netz laufe und daß es doch viel einfacher sei, wenn die Sowjetunion dieser internationalen Organisation beitrete, zu deren mehr als sechzig Mitgliedern auch die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und die Schweiz gehören.

Wer noch Zweifel daran hatte, daß bei dieser Reaktion der Amerikaner wirtschaftliche Überlegungen eine nicht unbedeutende Rolle spielen, konnte sich am vergangenen Wochenende (18. August) eines besseren belehren lassen. Die United Nations hatten vorgeschlagen, daß ihnen von der Intelsat kostenfrei Fernmeldeverbindungen über Satelliten eingeräumt werden. Der Vorschlag wurde vom Sprecher der Weltorganisation auf der Wiener Konferenz damit begründet, daß die Kurzwellenverbindungen, mit denen das UN-Hauptquartier in New York Kontakt mit seinen Vertretern in aller Welt hält, durch Interfrequenzerscheinungen in der Ionosphäre zu störanfällig sind. So wäre es in Krisensituationen vorgekommen, daß UN-Beobachter, die bei einem Konflikt Frieden stiften oder einen Waffenstillstand überwachen sollten, mehr als 24 Stunden keine Verbindung zum UN-Oberkommando in New York herstellen konnten. Auch wäre es bei wichtigen Entscheidungen der zu den Vereinten Nationen nach New York entsandten Delegierten verschiedener Nationen nicht möglich gewesen, den wichtigen Kontakt zu ihren eigenen Regierungen aufrechtzuerhalten.

Eine offizielle Stellungnahme von Intelsat zu dem UN-Vorschlag war in Wien zwar noch nicht zu bekommen und wohl auch nicht zu erwarten. Dennoch wurde vor einer voreiligen positiven Entscheidung gewarnt. Intelsat, so hieß es, sei schließlich eine kommerzielle Organisation, die Fernmeldeverbindungen nicht ohne weiteres gratis zur Verfügung stellen könne.

Ein Vortrag von I. M. Andronow und N. N. Scheremetjewski machte deutlich, daß die vornehmlich wirtschaftlichen Interessen nicht nur auf dem Gebiet des Satelliten-Fernmeldewesens keine Zusammenarbeit zwischen Ost und West an global nutzbaren Weltraumprojekten zustande kommen lassen. Die russischen Referenten erklärten, daß die Sowjetunion dabei sei, ein „Meteor“ genanntes System von Wettersatelliten aufzubauen. Es soll zu jeder Zeit einen vollständigen Überblick über die Wolkendecke der gesamten Erde liefern. Solche globalen Wolkenbilder aber werden längst aus den von amerikanischen Wettersatelliten gelieferten Aufnahmen hergestellt.

Während sich die Supermächte also kostspielige Doppelentwicklungen leisten können, benötigt zum Beispiel Indien dringend 50 Millionen Dollar, um ein erstes bescheidenes Experiment mit Unterrichtssatelliten durchführen zu können.

Das teilte ein Vertreter der UNESCO der Weltraumkonferenz mit. Indien selbst hat, wie Prasad L. Vepa vom Nationalen Indischen Komitee für Weltraumforschung ausführte, im vorigen Jahr ein Experiment in achtzig Dörfern in der Umgebung von Neu-Delhi begonnen. Es wurden dort Fernsehempfänger verteilt und besondere Tele-Klubs von Bauern gegründet. Man strahlte eine Reihe von landwirtschaftlichen Schulungssendungen aus und erzielte damit einen großen Erfolg. Bei diesem Experiment handelt es sich allerdings noch um eine Sendereihe des „All India Radio“. Satelliten waren nicht im Spiel. Doch bewies der Versuch, daß ein landwirtschaftliches Lehrprogramm, das über einen Satelliten mit einer Reihe von Sprechkanälen für die Hauptsprachen des asiatischen Subkontinents ausgestrahlt würde, Erfolg haben könnte. Experten der UNESCO sehen in einem solchen System die einzig wirksame Methode, mit der man Indiens beiden Hauptproblemen, dem Hunger und der Überbevölkerung, zuleibe rücken könnte.