Von Hellmuth Karasek

Den zur Ledigkeit verdammten (?) Soldatenstand, der sich deshalb mit Heißhunger, List und Tücke über reputierliche Bürgertöchter hermacht, gibt es nicht mehr. Und Bürgermädchen, die fallen, weil sie sich hinlegen, eigentlich auch nicht. Wer also in solchen Äußerlichkeiten die Aktualität der Kipphardt-Bearbeitung von Lenz’ „Soldaten“ suchen möchte, darf verschnupft konstatieren, daß heutige Militärs andere Sorgen haben und machen und heutige Töchter des Dritten Standes auch.

Aber noch schlimmer: auch der Erwartungsmechanismus auf ewig Menschliches wird nicht befriedigt. Wer nach Ansicht der diversen klassischen Gretchen, Luisen und Kätchen auf diese Marie blickt, die da stürzt, ohne daß uns das ewig Weibliche hinanzieht, der wird – wie große Teile des Düsseldorfer Premierenpublikums – sich um edle Regungen betrogen sehen.

Denn hier gehorcht ein Stück nicht einer moralisch indoktrinierten Dramaturgie, sondern eine Dramaturgie gehorcht der frappierenden Vieldeutigkeit des Menschen. Das moralische Gesetz heißt gesellschaftlicher Zwang: So genau hat das vor Büchner hierzulande niemand gesehen. Es ist wahr, der Traditionszusammenhang Lenz, Büchner, Wedekind, Brecht klappert sich nur zu leicht zusammen: Aber von Lenzens Marie zu der von Büchner sind die Schritte wirklich klein; wer will, mag Wedekinds Lulu hier ihren Stammbaum beginnen lassen; der „denkende“ Hauptmann Pirzel läuft dem Hauptmann im Woyzeck ebenso voraus wie seine atheistischen Gottesbeweise denen in Dantons Tod.

Wenn man vom (historischen) Theater nicht mit naivem Zutrauen erwartet, daß seine Zuschauer, mit Revolution aufgeladen, nach Schluß der Vorstellung, nur eben rasch klatschend, auf die Straße eilen und einen Passanten fragen: „Verzeihung, wo ist die nächste Barrikade?“ – wenn man sich also mit Brechts Anspruch bescheidet, in historischen Stücken seien uns Abbildungen vergangener Klassenkämpfe erhalten, dann wird man auch Kipphardts Bemühungen um eine (immer noch) weitgehend verschüttete Tradition verstehen – zumindest als Gegengewicht gegen das hehre Menschenbild aus Weimaraner Höhen.

Die „Soldaten“ handeln von einem Bürgermädchen, das den Versprechungen eines Offiziers glaubt, ihren bürgerlichen Verlobten gegen einen adeligen Liebhaber eintauscht, der sie wiederum, da er in erster Hitze einen Ehekontrakt unterschrieben hat, an seine Nachfolger verkuppeln muß, um sie loszuwerden. Das nimmt sich kolportagehaft aus, wenn die Familie ruiniert wird, der Vater schließlich seiner Tochter bei den Ärmsten der Armen wiederbegegnet, der verschmähte Bräutigam seinem adeligen Widersacher das Gift in die Weinsuppe rührt.

Aber hinter der Handlung wird tatsächlich eine Strategie des Standeskampfes sichtbar: ein Vater, der aus Liebe zur Tochter kuppelt (sie soll ja etwas Höheres werden), der sich nur in seinen Mitteln verschätzt; eine Tochter, die Flausen im Kopf hat, hitzig ist und schön, was ebenso notwendig wie stärker realistisch ist als jenes Neigung-Pflicht-Schema, mit dem die Klassik Lenz beiseite drängte; Offiziere schließlich, deren Übermut sich aus ihrem Etappendasein erklärt und deren Schlechtigkeit reine Notwehr ist (der Liebhaber wäre durch eine Heirat ja tatsächlich ruiniert) – so beharrt das Stück auf seiner Einsicht gegen die Konvention, und Kipphardt hielt sich bei seiner verschärfenden Bearbeitung daran.