Von Wieland Schmied

Von allen, die selbst nie gemalt haben, haben zwischen Guillaume Apollinaire und Pierre Restany wenige die Malerei unseres Jahrhunderts nachhaltiger beeinflußt als André Breton. Ich weiß nicht, ob er wirklich viel von Malerei verstanden hat; aber er hat viel von Menschen verstanden, und er konnte berauscht sein von Ideen, er war begeisterungsfähig. Er konnte wie wenige entscheiden, ob die Erscheinung eines Menschen integer war, ob man ihm vertrauen konnte, ob man von ihm Kunst erwarten durfte; und er kannte die Faszination, die Schlagkraft und die Tragfähigkeit von Ideen. Er hat ermutigt, und er hat verstört, gefördert und zurückgestoßen, und er war immer leidenschaftlich engagiert. Er war ein Herrscher, und er schrieb wie ein Herrscher; keiner, dem er einmal ein Vorwort, eine Katalogeinführung widmete, der das nicht als Auszeichnung empfunden hätte.

Auf dem Gemälde von Max Ernst „Zum Rendezvous der Freunde“ von 1922 ist er neben Dostojewski der einzige, der perspektivisch gesehen unverhältnismäßig groß erscheint, beschwörend hebt er den Arm, eine Toga umflattert seine Schultern; in der „Konstellation“ von Valentine Hugo, 1935 gemalt, bildet er das Zentrum wie auch in dem Bild Mirós „Gestalt in der Nacht“ von 1944, und auf dem Titelblatt der Zeitschrift „La Revolution Surréaliste vom 15. Dezember 1929 erscheint er im Kreis der Freunde mit geschlossenen Augen in der Mitte oben, korrespondierend mit Max Ernst (links), Yves Tanguy (unten) und René Magritte (rechts), von dem das in der Mitte reproduzierte Bild stammt.

Er hatte Hegel studiert und Mallarmé gelesen, verehrte Lautreamont und haßte Descartes, er war mit Apollinaire befreundet und von Duchamp beeinflußt, war fasziniert von Freud und pilgerte zu Trotzki nach Mexiko.

Im Ersten Manifest des Surrealismus schrieb er 1924: „Das Wunderbare ist immer schön, es ist sogar nur das Wunderbare schön“, aber was er an Definitionen des Surrealismus gibt, charakterisiert diesen als Geisteshaltung und Weltanschauung oder bezieht sich auf literarische Techniken und die Ausbeutung des Traums, des Spiels der Assoziationen und des Unbewußten als Reservate des ursprünglich Schöpferischen. Von der Malerei spricht er noch fast überhaupt nicht. Er zweifelte zunächst daran, ob es so etwas wie surrealistische Malerei überhaupt geben könne, bis ihm ihre Existenz avant le lettre in den Bildern Giorgio de Chiricos und in den Collagen von Max Ernst aufging. 1925 überschrieb er ein Katalogvorwort „Die surrealistische Malerei“, er wies damit auf eine Gruppe von Malern hin, die in der Galerie Pierre ausstellten: Arp, de Chirico, Ernst, Klee, Man Ray, Miró, Picasso und Pierre Roy.

Als er aber dann seine teilweise seit 1925 in der Zeitschrift „La Revolution Surréaliste“ geäußerten Gedanken die Malerei betreffend zu einem Buch zusammenfaßte, erschien es unter dem Titel „Le Surrealisme et la Peinture“ (1928) und deutete so das Verhältnis der beiden Begriffe als ambivalent, als „offenes Beziehungssystem“ (Werner Spies). Die zweite Auflage erschien 1945 bei Brentano in New York (wohin Breton in den Kriegsjahren emigriert war), die dritte, reich illustriert und um alle verstreuten Vorworte und Aufzeichnungen zur Malerei erweitert, 1965 bei Gallimard. Nun liegt eine deutsche Ausgabe vor –

André Breton: „Der Surrealismus und die Malerei“, aus dem Französischen von Manon Maren-Grisebach; Propyläen Verlag, Berlin; 430 S.,36 farbige, 310 einfarbige Abb., 98,– DM