Der Verteidiger „altmodischer“ Ferien hat es schwer, eine Form des Urlaubs zu rühmen, an der kaum Mittler und Zwischenverdiener beteiligt sind. Denn es gehört doch zum guten Ton, auf den Balearen oder an der jugoslawischen Küste gewesen zu sein, „herrlich braungebrannt“ zurückzukommen, Tonkrüge aus Attika auf das Bücherbrett zu stellen.

Jedoch: Als mein Vetter einmal abgehetzt aus dem Süden zurückkam, unfähig zu schlafen, da entdeckte er eine Verwandte, die, wie sie sagte, Ferien unterm Birnbaum machte. Sie hatte sich prächtig erholt, hatte den Faust-Roman von Thomas Mann gelesen und mindestens acht verschiedene Singvögelarten entdeckt. Seither macht es mein Vetter so wie sie. Er mietet sich in kleinen Pensionen auf dem Land ein. Sie müssen einen Garten haben und möglichst in der Nähe eines Waldstückes liegen. Er hat mir ein paar Adressen leise wie eine kostbare Weinmarke zugeflüstert.

Ein Haus ist darunter, das macht nicht die geringste Reklame. Die Leute vermieten fünf Zimmer, alle nach Süden. Landwirtschaft im Hause. Die Butter kommt kühl aus dem Keller, der Fendant von einem Winzer aus dem Wallis. Man macht keine weiten Ausflüge, die den Sinn der Ferien ja fast wieder aufheben. Den Wagen läßt man in der großen Scheune. Man geht in den nahen Wald, entdeckt womöglich eine Fuchshöhle oder beobachtet eine Ameisenstadt. Man betreibt private Tierkunde, was ich für außerordentlich wichtig halte in einer Epoche, die den Blick auf das Kleine und Verborgene verliert. Mittags ißt man eine ordentliche Mahlzeit, ländlich, mit einem Kalbsbraten, auf altmodische Art gewürzt, und einem Salat aus dem Gemüsegarten. Und dann liegt man denn also unterm Birnbaum und läßt vor Wohlbehagen die Zehen spielen.

Natürlich kriegt man auch hier Ansichtskarten: Wir rauschen auf einer gemieteten Yacht durch die blauen Fluten der Adria ... Gut. Sollen sie. Ich weiß, wie das ist. Schön, herrlich, aber zumeist inhaltlos. In drei Wochen ist alles wieder vergessen. Eine Fata Morgana. Hier im blauen, rieselnden Fleckschatten ist das anders. Man hat am Abend ein Gespräch. Man zieht mit dem alten Naturforscher auf die Wiese und läßt sich die Sterne zeigen.

Freilich: Erstaunliche Ansichtskarten kann man aus solchen Ferien unterm Birnbaum nicht verschicken. Aber kommt’s darauf an?

Eduard H. Steenken