Von Christiane Böhler-Auras

Mit einunddreißig Jahren schrieb Marina Zwetajewa (an einen ungenannten Adressaten) die charakteristischen Sätze: „Menschen wie Sie haben Kunst, Gesellschaft, Freundschaften, Zerstreuungen, Familie, Pflichten, ich habe bis ins Innerste NICHTS. Alles fällt von mir ab wie eine Haut, darunter ist nur lebendiges Fleisch oder Feuer: ich: Psyche. Ich passe in keine Form – nicht einmal in die einfachste meiner Gedichte! Ich kann nicht leben.“

Aber noch fast zwanzig Jahre mußte sie solche „Formlosigkeit“, das Emigrantendasein, die bittere äußere Armut, die Einsamkeit aushalten, ehe sie 1941 – bald nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion – mit neunundvierzig Jahren ihrem Leben ein Ende setzte.

Wiewohl, neben der Achmatowa, die vielleicht größte Dichterin russischer Sprache in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, war sie durch ihr persönliches Schicksal und das ihres Landes lange über ihren Tod hinaus zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Erst Ilja Ehrenburg hat sich 1956 erfolgreich für die Lyrikerin Zwetajewa eingesetzt und ihre Wiederentdeckung eingeleitet, wie vorher schon im Falle ihrer dichterischen Antipodin Anna Achmatowa. Schließlich erschien – nach Veröffentlichungen einzelner Gedichte in Almanachen – 1961 in der Sowjetunion eine Auswahl aus ihrem lyrischen Werk, 1965 dann in der „Dichterbibliothek“ eine Auswahl von Gedichten, Poemen und Dramen. Eine Gesamtausgabe ihres Werkes fehlt und dürfte noch auf sich warten lassen.

Man hat sie mit Else Lasker-Schüler verglichen. Und tatsächlich lassen sich verwandte Züge schon in der Biographie ausmachen: das Unvermögen, sich im bürgerlichen Leben zu arrangieren, nie endende Armut und Einsamkeit, ein ruheloses Wanderleben mit den ausländischen Stationen Berlin, Prag, Paris (1922–1939), das nur „Fleisch-oder-Feuer“-Sein ohne schützende Hülle um ihr Ich, ohne jeden bürgerlichen Rückhalt. Auch ihre zuweilen überschwengliche Verehrung für andere Dichter – für den wenig älteren Alexander Blok (den sie persönlich nicht gekannt hat), für Andrej Belyj, für die Achmatowa – teilt sie mit der deutschen Dichterin.

Zudem muß ihre ganze Erscheinung auf Zeitgenossen einen ähnlichen Eindruck gemacht haben – eine „Zigeunerin“, die sich mit getragenen Sachen schmückt: „Man hat mir ein Kleid geschenkt: blau mit Blümchen, ein ‚Dirndlkleid’, ich finde neue Kleider herrlich, besonders geschenkte – ach, ich bin keine Frau – ich trage alles, was anderen nicht steht“, schreibt sie 1923 nicht ohne Selbstironie.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden liegt aber in ihrer Dichtung: Im Gegensatz zur esoterischen Metaphernsprache der Else Lasker-Schüler haben die Gedichte der Marina Zwetajewa, auch noch die formelhaft verkürzten, immer einen stärkeren Bezug auf die Realität.