Von Wolfgang Wünsche

Die Jagd um die Olympianorm und das Zittern um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Mexiko macht die deutschen Leichtathleten in den letzten Wochen recht nervös. Das Examen bei den 68. Deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion haben jedoch viele bestanden, einige mit Auszeichnung, andere nur mit der Note ausreichend. Optimisten erwarteten im Berliner Olympiastadion einen sensationellen Ruck nach vorn. Er blieb aus, denn es fehlten nahezu alle Voraussetzungen zu einer Serie von Weltklasseleistungen.

Alle redeten vom Wetter, auch wir müssen es tun. Denn bei einer Temperatur von nur 16 bis 18 Grad, bei den gefürchteten Windstrudeln im Berliner Olympiastadion, das mit dem riesigen Loch über dem Marathontor seinerzeit falsch konstruiert worden ist, dazu eine mäßig schnelle Bahn, der schwache Besuch und die laue Stimmung, konnten vor allem in den Läufen nur wenige überragende Ergebnisse erzielt werden.

Nichts hassen die 400-Meter-Läufer mehr als ewig wechselnde Winde, die einmal von vorn und dann von hinten kommen. Selbst die 800-Meter-Läufer klagten – Franz-Josef Kemper: „Ich lief selbst die 800 Meter ständig gegen den Wind, er kam auf jedem Meter immer wieder von vorn.“

Wer im Wurf oder im Sprung Glück hatte, erwischte leistungsfördernden Gegen- oder Rückenwind. Es war alles eine Lotterie mit dem Wind. Einige zogen Nieten, wie etwa die400-Meter-Läufer er Röper und Reinermann, die im Sturm weit über 48 sec blieben und nicht einmal den Endlauf erreichten.

Wenn sich trotzdem die absolut stärksten und zuverlässigsten Athleten durchsetzten mit teilweise guten Leistungen, so spricht das für die Härte dieser Männer und Frauen. Es war ein erbarmungsloser Test. Rücksichtslos wurde die Spreu vom Weizen getrennt, und Sachlichkeit war Trumpf. Große Entdeckungen gab es kaum, es gewannen die Routiniers oder ihre härtesten Rivalen, die sich schon vor Wochen durch gute Leistungen empfohlen hatten.

Es ist nicht wahr, daß die Berliner Titelkämpfe ein schwaches Niveau hatten, und es ist geradezu grotesk, wenn eine Presseagentur verbreitet, die DLV-Läufer würden nicht einmal die Zwischenläufe in Mexiko überstehen. Der Seitenblick zu den DDR-Meisterschaften in Erfurt ist erlaubt, doch sei angeführt, daß in der thüringischen Blumenstadt optimale Witterungsbedingungen herrschten, nämlich 27 Grad Wärme, leichter Wind, und es dazu eine hervorragende Piste gab.