So muß der Vergleich Erfurt–Berlin hinken. Es gilt jetzt, die gute Form zu erhalten und dann in den letzten vier Wochen vor Mexiko die beste körperliche Verfassung anzustreben. Das wird einigen nicht gelingen, weil sie in der Vorsaison bereits zuviel Kraft verpulvert haben. Die Springer und Werfer haben es leichter als die Läufer.

Wie viele haben gebangt, als Heide Rosendahl und Liesel Westermann im Mai schon in bester Form waren, und jetzt wissen wir, das war nur eine gute Frühjahrsform, denn beide Athletinnen erzielten in Berlin die überragendsten Leistungen des Jahres. Man kann nur hoffen, daß sie mit viel Geschick diese glanzvolle Form hinüberretten in den Oktober.

Nun ereignete sich in Berlin ein Fall, der alle zur Vorsicht mahnt. Die deutsche Weitsprung-Rekordhalterin Ingrid Becker, die schnellste deutsche 100-Meter-Läuferin, schied in der Qualifikation mit lächerlichen 5,88 m aus, weil sie diese Qualifikation nicht ernst nahm. Leichtsinn macht sich nie bezahlt, daher war es gut, daß die Meisterschaften unter schwierigsten Verhältnissen die ganze psychische und physische Kraft erforderten, selbst von Spitzenkönnern wie Uwe Beyer, Hans Fahsl und Dirk Neu. Alle drei Werfer hatten zwei schwache erste Versuche, wurden nervös und unsicher, nahmen sich aber zur richtigen Zeit zusammen und brachten die als Selbstverständlichkeit erhofften Leistungen.

Deutschlands Kurzstreckenläufer sind besser als ihr Ruf. Am dritten Tage, als sogar einmal die Sonne schien, egalisierte der 24jährige Zahnmediziner Martin Jellinghaus den legendären 200-Meter-Rekord von Manfred Germar von 20,6 sec. Er tat das bei einem Rückenwind von nur 0,4 m/sec, und zwar nachdem er bereits zwei schwere 400-Meter-Läufe in seinen muskelbepackten Beinen hatte und auch hier mit 46,0 sec seine Bestzeit erreichte. Bei warmem, windstillem Wetter wäre Jellinghaus wohl 20,5 und 45,4 gelaufen. Er war der überragende Mann der Meisterschaften, denn auch in der 4mal-100-Meter-Staffel vom TSV 1860 München kam er zu seinem dritten Titel. Er besitzt die Fähigkeiten des Olympiazweiten von Rom, Carl Kaufmann, hat jedoch noch mehr Kraft als der Karlsruher und ist genau der Typ des harten, unkomplizierten Olympiakämpfers, den man sich wünscht. Er wird ein großartiger Schlußmann der deutschen 4mal-400-Meter-Staffel sein, zu der jetzt Müller, König oder Hennige und der unverwüstliche Manfred Kinder, der schon 1960 und 1964 in der Staffel stand, gehören. Ein Quartett also, auf das Verlaß ist.

Auch die Sprinter werden noch zu einer homogenen Staffel gelangen. Das Geschrei um mißglückte Staffelproben ist kaum noch zu ertragen. Hat man vergessen, daß 1960 für die später siegreiche deutsche Staffel einen Tag vor dem Vorlauf noch gar nicht feststand, in welcher Besetzung sie laufen wird? Wie war es im Vorjahr vor dem Finale des Europacups in Kiew? Damals das gleiche Lamento, und dann lief die deutsche Staffel mit 39,3 sec Rekord. Im Höhentrainingslager von Flagstaff ist noch genügend Zeit, vier Individualisten zu einer Mannschaft zu formen.

Da ist der neue 26jährige Deutsche Meister Gerhart Metz, der eine bei ihm nie gekannte Härte an den Tag legte und selbst über 200 Meter überraschte. Dann ist da das junge Talent Gerhard Wucherer, ein Athlet, der jetzt ausspannen muß, und eines Tages wird dann der Zwanzigjährige 10,2 laufen, was auch Metz, der wiedererstarkte Wilke und der Einzelgänger Schmidtke schaffen sollten. Hoffentlich hat der junge Hamburger Jobst Hirscht seine Verletzung auskuriert. Er ist als Startmann bei der deutschen Staffel nahezu unersetzlich. Hinzu gesellt sich der außerordentlich beständige Jochen Eigenherr, der besonders über 200 Meter mit 20,7 als zweiter hinter Jellinghaus imponierte.

Ohne den lästigen Wind wären Jellinghaus, Müller, Kinder und König im 400-Meter-Endlauf alle unter 46 sec gelaufen. Sie können nämlich schwere Rennen innerhalb von Stunden oder Tagen gut verkraften und besitzen echte olympische Härte. Manfred Kinder, mit 30 Jahren bereits ein Senior, sagte: „Unsere Staffel ist die richtige Truppe. Sie ist viel stärker als 1964. Wir haben alle die richtige Kampfmoral, und ich erwarte sogar Jellinghaus und Müller im olympischen 400-Meter-Finale.“