Was kann dieses Quartett wohl laufen, wenn Bayer Leverkusen als Vereinsstaffel in Berlin mit 3:06,9 min deutscher Meister wurde, eine Zeit, die in Europa nur vier Nationalstaffeln unterbieten können?

Der neue 800-Meter-Meister Walter Adams, 23 Jahre alt, klein, kräftig, energiegeladen, schlug den Fliegengewichtler Franz-Josef Kemper in eindrucksvoller Manier. Der Europarekordmann Kemper lief wieder einmal taktisch wie ein Anfänger, ihn packte der Leichtsinn, und er wurde bestraft und vom „bösen“ Publikum sogar noch ausgepfiffen. Adams lief die zweiten 400 Meter seines 800-Meter-Laufes in 52,4 sec, und das besagt eigentlich alles über sein gutes Stehvermögen und seine enorme Spurtkraft. Man muß wissen, daß Kemper seit Wochen an einer Knochenhautentzündung leidet, daher nur leicht trainieren konnte und somit eine schwache Kondition besaß. Kemper ist jedoch der Läufer, der nach kurzem, scharfem Training schnell in Hochform kommt, und das ist für Mexiko immerhin tröstlich. Er wurde unter Wert geschlagen, und die Niederlage von Berlin besagt noch nicht, daß er keine Medaillenchance hat.

Glänzend vorbereitet stellten sich Bodo Tümmler, Harald Norpoth und die Langstreckler Manfred Letzerich sowie Lutz Philipp in Berlin vor. Alle wurden nicht gefordert, zeigten jedoch verbesserte Spurtqualitäten. Sie sind erfahren genug, um sich bis Mexiko in der Form von 1966 vorzustellen. Tümmler lief zum Beispiel die letzten 300 Meter im 1500-Meter-Finale in einer Zeit von 38 sec. Das macht ihm in der Welt nur der Amerikaner Jim Ryun nach.

Ausgerechnet Gerhard Hennige scheiterte wie im Vorjahr an der letzten Hürde im 400-Meter-Finale und verlor erneut den Titel an den zuverlässigen Münchner Rainer Schubert. Hennige wollte den deutschen Rekord (49,9) stürzen. Er wagte alles – und verlor. Athleten mit dieser Einstellung sind uns sympathischer als die Zauderer, die Angst haben. Wo blieben die mutigen Tempoläufer auf den Mittel- und langen Strecken? Jene, die etwas wagten? Da gab es nur einen gewissen Becker aus Köln über 800 Meter und den eisenharten Bochumer Falke im 5000-Meter-Lauf, die auf eigene Faust etwas wagten und dafür mit guten Plätzen belohnt wurden. Die anderen Läufer waren feige, mutlos und endeten unter ferner liefen. Das war eine der größten Enttäuschungen von Berlin.

Abgesehen von einigen Spitzenkönnern ist das Niveau über 800 Meter im Langstreckenlauf und im Hürdenlauf mäßig bis schwach. Versöhnt haben im 3000-Meter-Hindernislauf der unberechenbare Meister Brosius aus Duisburg und der mutige Pfälzer Wagner. Brosius könnte in Mexiko angenehm überraschen, da er die dortige dünne Höhenluft gut verkraftet, wie sein zweiter Platz sei den vorolympischen Kämpfen 1967 bewies.

Bei den Springern gab es mit Ausnahme der schwachen Dreispringer aufstrebende Tendenz. Der alte Fuchs Lehnertz gewann im Stabhochsprung noch einmal den Titel, doch haben die hochveranlagten Engel und Schiprowski mehr Talent. Sie sind schneller im Anlauf und darüber hinaus etliche Jahre jünger als Lehnertz.

Langsam überwinden auch die Weitspringer das langanhaltende Leistungstief, wenn auch hier zur Zeit kein überragender Mann vorhanden ist.