Von Ferdinand Ranft

Alsdorf

Kein Zweifel: Im „Kasino Anna“ in Alsdorf bei Aachen wird seit dem 27. Mai 1968 in Sachen Contergan peinlich genau nach der Strafprozeßordnung verhandelt. Justitia muß ihr Haupt nicht verhüllen, kein Makel fällt auf unseren wohlgeordneten Rechtsstaat. Und dennoch: Unter den kritischen Beobachtern der Alsdorf er Szene macht sich in zunehmendem Maße Unbehagen breit über das Geschehen im und um den Gerichtssaal. Seit Prozeßbeginn sparen die Verteidiger der sieben Angeklagten nicht an großen Worten. Die Menschenrechtskonvention wurde von ihnen ebenso als Kronzeugin angerufen wie „die Geschichte der rechtsstaatlichen deutschen Strafjustiz“. Es gebe überhaupt keinen strafrechtlichen Tatbestand in diesem Verfahren – wurde behauptet –, noch könnten die Angeklagten aus der Anklageschrift Art, Schwere und Umfang der ihnen zur Last gelegten Vorwürfe auch nur annähernd entnehmen.

Der Erlanger Strafrechtler, Professor Bruns, meinte, es fehle in diesem Prozeß an jedem Ermittlungsverfahren. Er zog Parallelen zu der Praxis in Schnellverfahren und verneinte, daß überhaupt eine konkrete Anklage erhoben worden sei.

Es vergeht kaum ein Verhandlungstag, an dem der Frankfurter Rechtsanwalt Schmidt-Leichner nicht den Vorwurf erhebt, das Gericht verstoße gegen die Strafprozeßordnung. Erregt und aufgebracht poltert Schmidt-Leichner seine Anträge heraus. Er legt sich mit dem Vorsitzenden an: „Sie sind etwas erregt!“ – er fährt den Sachverständigen in die Parade: „Er wird sich doch nicht für unfehlbar halten“, um kurz darauf unter dem Gelächter aller Prozeßbeteiligten bei einem Zuruf an Professor Widukind Lenz die schönste Fehlleistung im bisherigen Prozeßverlauf beizusteuern: „Er kann sich doch irren, er ist doch kein Jurist!“

Schmidt-Leichner und seine Kollegen ziehen alle Register aus dem Bereich von Rhetorik und Dramaturgie. Wird von den Geschädigten gesprochen, wird ihr Ton larmoyant, wird die Untadeligkeit eines Sachverständigen der Verteidigung in Zweifel gezogen, springen die Verteidiger erregt auf, tritt ein Gutachter der Staatsanwaltschaft auf, wird dessen Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit fortwährend in Frage gestellt. Allerdings hat der bisherige Verlauf des Verfahrens mehr als einmal bewiesen, daß das Gericht zwischen rhetorischem Feuerwerk und Sachinhalten sehr wohl zu unterscheiden weiß. Auf wen dann soll der Theaterdonner Eindruck machen? Sicherlich auf die gerichtsunerfahrenen Sachverständigen, aber auch auf die Nebenkläger.