Dienstag, 13. August, ARD: „Der Nachruf“, Fernsehspiel von Hans Erich Nossack

Vielleicht wird man einmal von den Schriftstellern der fünfziger Jahre sagen: Statt mit Behauptungen aufzutrumpfen, stellten sie Fragen; Aussagen setzten sie in Anführungszeichen; der Konjunktiv war ihnen sympathischer als der Indikativ, die Möglichkeit plausibler als die Wirklichkeit; da sie nicht mehr glaubten, daß es möglich sei, jeden Menschen seiner Klasse, seinem Alter, seinem Charakter entsprechend zu kleiden, probierten sie ihren Figuren alle möglichen Gewänder an, tragische und komische, feierliche und obszöne, und überließen es dem Leser, darüber zu befinden, welche die passendsten seien. Das apodiktische Urteil schien ihnen fatal (und obendrein inhuman) zu sein – also verzichteten sie darauf, das Kontroverse zu harmonisieren; Gegensätze blieben bestehen; Personen sahen sich aus heterogenen Teilen zusammengesetzt, Tote und Totgesagte wurden mit Hilfe von widersprüchlichen Zeugenaussagen zum Leben erweckt, Menschen auf Grund von Tatbeständen charakterisiert, die scheinbar unverbunden nebeneinander standen. Es wurde umgepolt und montiert; wo früher Kontinuitäten bestanden, zeigten sich nun Sprünge; jähe Volten ersetzten die organische Entwicklung spätbürgerlicher Heldenfiguren.

Da ist zum Beispiel Hans Erich Nossack, da sind Figuren, die außer einem bourgeoisen Namen wenig Handgreiflich-Dingliches bieten. Der Schein, die realistische Patina, trügt: nicht Steckbriefnaturen, sondern Andeutungsmenschen, Traumtänzer eher als glaubwürdige Charaktere glaubwürdig im Sinn der herrschenden Schicht, die mit der Welt die ihr gehörige meint); Menschen sind am Werk, die ins Wegelose aufbrechen (und beim Fortgehen ihre Schlüssel wegwerfen) dorthin, wo es kein Possessiv-Pronomen, erste Person Singularis, mehr gibt. Da ist der Fall Arno Breckwaldt: Ein Mann ist gestorben (wenn’s stimmt), ein Schriftsteller wurde erschlagen (möglicherweise), die Hinterbliebenen setzen dieSteinchen zusammen und geben dem Freund und Gegner, dem Gleichgültigen, dem Unbekannten, der Person und der Sache Kontur. Nachrufer demaskieren sich, die Akzente sind gleichgewichtig auf die Redner und die beredete Sache verteilt.

Daraus hätte sich ein schönes Fernsehspiel machen lassen, aus dieser Nossack-Geschichte, ein atmosphärisches Spiel mit tropfenhaft fallenden Sätzen, mit Löchern und Untiefen zwischen Frage und Antwort, und so fing es auch an, als die Hinterbliebenen im Theaterrestaurant anfingen zu reden, in ihrem Künstlerjargon, ein bißchen Gründgens und ein bißchen fünfundvierziger Weltschmerz, ein bißchen Sex, ein bißchen Slang vom Rothenbaum, ein Viertel HSV, drei Viertel NDR; so fing es an, als die Kameras die nächtlichen Helgen einfingen, während ein Mann und eine Frau sich im Hemingway-Tonfall besprachen, so setzte es sich fort in herrlichen St.-Pauli-Sequenzen (ein Meisterstück die Schattenrisse einer alten Frau und eines Kindes am Fenster: „Schau mal, Oma zeigt dem Enkel das nächtliche Hamburg“). Das war leicht und grazil und andeutungshaft, der Fall blieb in der Schwebe, Menschen und Dinge gaben Geheimnisse preis, sanft geschah das und unfeierlich, aber dann war’s plötzlich zu Ende, plumpe Deutlichkeit stellte sich ein, Chargenspiel ersetzte das markierende Parlando; ein Betrunkener rezitierte einen schlechten, sehr schlechten Nossackschen Nachruf. Da trug die Novelle nicht-mehr, da hätte man neu schreiben müssen, da wurde die atmosphärische Studie zum mäßig gebauten Stück,, und an die Stelle der Mutmaßungen über Breckwaldt trat der Monolog eines, redseligen Säufers über Künstler und Kunst, über Gott und die Welt. – und dieser Monolog roch nicht nach Spiritus, sondern nach Zeitungspapier, und dieser; Nachruf klang gerade so, als ob ein Schriftsteller aus einem Hör-zu-Roman Wanderers Sturmlied nachdichtete... Momos