Wenn man davon ausgeht, daß die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit gleichwertig sind – eine in der Nationalökonomie vorherrschende Lehrmeinung, die auch von Unternehmerkreisen nicht bestritten werden dürfte –, so ist in keiner Weise einzusehen, warum nicht beide Produktionsfaktoren in der Betriebsleitung gleichberechtigt vertreten sein sollen. Weiterhin ist nicht einzusehen, warum die Arbeitnehmerseite, die zwar das Risiko der Entscheidungen der ihr gleichwertigen Kapitalseite trägt, nicht auch am Zustandekommen dieser Entscheidungen gleichberechtigt beteiligt sein soll.

Das Argument, daß beide Seiten diesem Risiko in gleicher Weise ausgesetzt sind, trifft die Sache nur halb; denn der Verlust des Arbeitsplatzes dürfte für einen Arbeitnehmer schwerwiegendere Folgen haben als der Verlust einer Dividende für einen Aktionär.

Der Vorwurf, daß durch die Einführung einer paritätischen Mitbestimmung betriebsfremde Gewerkschaftsfunktionäre in den Aufsichtsrat delegiert werden, die gar nicht die Interessen der Arbeitnehmerschaft vertreten, geht von der irrigen Modellvorstellung aus, daß die bisherigen Aufsichtsräte Repräsentationsorgane der Aktionäre darstellen. Das ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr sind die Mitglieder des Aufsichtsrats in den meisten Fällen weder selber Aktionäre, noch spiegeln sie die Interessen der Aktionäre wider; sie sind schlicht und einfach „Finanzfunktionäre“, was jedoch keine Abwertung bedeuten soll.

So gesehen ist auch die Befürchtung nicht stichhaltig, daß die Aktionäre nicht mehr ihr Geld auf den Banktresen blättern werden, weil sie in Zukunft nicht mehr über dessen Verwendung mitbestimmen können. Das können sie auch heute schon nicht mehr. Der Aktionär legt doch deswegen sein Geld in Aktien an, damit es andere Leute gewinnbringend wieder ausgeben. So dürfte er auch eher geneigt sein, sein Geld in einen mitbestimmten Betrieb zu stecken, wo ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Belegschaft und Management besteht, als in einen, wo zwar alle Macht beim Kapital liegt, der aber von dauernden Streiks bedroht ist. Günter Wehrmann, Berlin