Robert Neumann:

1. Januar

Er war ein schwieriges Kind, als Helga kam – er hat sich, Gott sei Dank, großartig verändert seither. Wie so ein junges Weibsstück sowas zustande bringt – ganz ohne Erfahrung und obgleich sie Kinder sonst gar nicht besonders mag, glaube ich.

Er ist achteinhalb jetzt und frißt Bücher. Kein Buch, das er nicht in drei Stunden zu Ende gelesen hat. Eben schüttet er sich aus vor Lachen beim Lesen einer Geschichte, in der ein Kind sagt: „Ihr seid meine beiden Schmutzbengel – ich wollte sagen Schutzengel.“ Es rührt an die Wurzeln des Humors.

Unlängst, reizend, zärtlich: „Ich bin so traurig, daß du schon alt bist und bald sterben mußt. Ich werde dann eine ganze Woche weinen. Aber mehr nicht.“ So sachlich ist ein Kind. So sehr geschützt durch Emotions-Antitoxine.

Hat es die nicht, ist es nicht gesund. Vater-Kind-Gefühle laufen auf einer Einbahnstraße – eine urtriebhafte Emotionsökonomie der Natur, der wir verhaftet bleiben. Wie jedem Urtrieb. Eine demütig machende Erkenntnis. Eine tröstliche Erkenntnis. Um dieses Verhaftetsein sind wir schwächer und stärker als ein elektronisches Gehirn.

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