Das von Walter Ulbricht vorgeschlagene Treffen des Ministers für Außenwirtschaft der DDR und des Wirtschaftsministers der Bundesrepublik schien in den Bereich des Möglichen gerückt.

Am Wochenende wurde in Bonn bekannt, daß DDR-Außenwirtschaftsminister Horst Sölle seinem Bonner Kollegen Karl Schiller in einem formlosen Schreiben seine Bereitschaft zu Gesprächen bestätigt habe. Bereits zuvor war die Bundesregierung über die Treuhandstelle informiert worden. Bonn will auf das Angebot eingehen. Schiller erklärte sich bereit, „in jeder deutschen Stadt“ mit Sölle zusammenzutreffen. Dem Vernehmen nach soll das Gespräch in Leipzig während der Herbstmesse stattfinden.

Schiller möchte neben Fragen des Interzonenhandels auch andere Probleme erörtern. Im wirtschaftlichen Bereich werden vor allem Fragen der Krediterweiterung und eine mögliche Wiederaufnahme der Mineralöllieferungen der DDR auf der Tagesordnung stehen.

Sprecher der Regieringsparteien befürworteten das Gespräch, ohne jedoch spektakuläre Ergebnisse zu erwarten. Lediglich der frühere Vertriebenenminister und Vorsitzende des Gesamtdeutschen Arbeitskreises der CDU/CSU, Johann Baptist Gradl forderte, den Interzonenhandel wieder als Druckmittel in der Berlinpolitik zu benutzen. Die FDP warnte, über Wirtschaftsgespräche politische Veränderungen zu erreichen und verwies auf den von ihr vorgeschlagenen Generalvertrag zwischen der BRD und der DDR.

Ob das Gespräch zwischen Schiller und Sölle tatsächlich stattfindet, war bis zur Kabinettssitzung am Mittwoch noch nicht sicher.

Am Montag veröffentlichte der Bundespostminister Dollinger einen Brief, den er bereits am 8. August seinem Ostberliner Kollegen Schulze zusandte. Auch er erklärte sich zu einem Gespräch bereit. Dollinger lehnt die Forderung der DDR über 52 402 819 Mark ab und stellt ihr Bonner Berechnungen gegenüber, nach denen Ostberlin 16 928 178 Mark erhalten soll. Die Verschuldung der Bundespost beruht auf Leistungen der DDR-Post im Päckchen- und Paketverkehr und im Fernsprechverkehr.

Der Interzonenhandel wurde in der Vergangenheit eher durch wirtschaftliche als durch politische Schwierigkeiten beeinträchtigt. Der Außenhandel der DDR ist zum größten Teil (75 Prozent) auf die osteuropäischen Staaten festgelegt. Der Handel mit der Bundesrepublik macht nur ein Prozent der Nettoproduktion aus.