Die Sommerpause in Bonn war jäh zu Ende. Des Kanzlers Rückkehr aus dem Urlaub und die Etatberatungen des Finanzkabinetts sorgten am Wochenbeginn ohnehin für einigen Auftrieb. In den Mittelpunkt des Interesses rückte jedoch Schillers Angebot, sich mit seinem DDR-Kollegen Sölle zu einem Gespräch über den Interzonenhandel zu treffen, sobald ihm das Bundeskabinett den Auftrag erteile.

Karl Schiller ist davon überzeugt, daß ohne solche direkten Gespräche Fortschritte in den Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands kaum zu erzielen sind. Wahrscheinlich hat er recht. Ob das Kabinett nun zustimmt oder nicht – eines hat Schiller auf jeden Fall schon erreicht: noch mehr Publicity. Noch nie ist Schiller so eindeutig in den Bereich der hohen Politik vorgestoßen.

Auch bei solchen Anlässen achtet man in Bonn streng auf die Wahrung der Parität zwischen den beiden Regierungsparteien. Regierungssprecher Ahlers beeilte sich, der Information über Schillers Absichten flugs den Hinweis anzuhängen, auch Bundespostminister Dollinger sei zu Gesprächen mit dem DDR-Postminister Schulze bereit.

Tatsächlich war Dollinger der erste Minister, der eine solche Aussprache in einem Briefwechsel mit Ostberlin als nützlich erklärte. Schon im Frühjahr fand er in einem DDR-Schreiben einige Punkte, die ihm einer mündlichen Erörterung auf Ministerebene wert schienen. Er hat daraus nie ein Hehl gemacht.

Bundesfinanzminister Strauß sah sich in der letzten Woche als Zielscheibe von Hermann Fredersdorf, dem Vorsitzenden des Bundes der Steuerbeamten. Wenn der Staat nicht für eine größere Steuergerechtigkeit sorge, so hatte Fredersdorf in einem Interview gedroht, werde sein Verband notfalls einige skandalöse Fälle publizieren, in denen ein paar Industrielle begünstigt worden seien. Daß Steuerbeamte hin und wieder mit Mißständen konfrontiert werden, die ihnen die Haare zu Berge treiben, kann wohl kaum bestritten werden. Aber wo kämen wir hin, wenn sie nach eigenem Gutdünken das Steuergeheimnis verletzten? Strauß ließ denn auch ankündigen, daß er sich solche Eskapaden nicht gefallen lassen wolle. Die Steuerbeamten beklagen daneben den unübersichtlichen Steuerdschungel, in dem sich kaum noch ein Finanzbeamter, geschweige denn ein steuerpflichtiger Bürger zurechtfinden könne.

Beifall fand ein Gedanke des Bundesfamilienministers Bruno Heck, der in wenigen Wochen sein Ministeramt aufgibt, um sich als CDU-Generalsekretär ganz der Vorbereitung des Wahlkampfes zu widmen. Sozusagen als vorzeitiges Abschiedsgeschenk empfahl er, die gesamte Sozialpolitik nach den Wahlen in einer Hand zu vereinen. Ein einleuchtender Vorschlag, der im Herbst 1969 hoffentlich nicht aus Gründen der Koalitionsarithmetik in Vergessenheit gerät.

Bundesarbeitsminister Hans Katzers Distanzierung von dem Vorschlag des Sozialbeirates, künftig die Rentenversicherungen der Arbeiter und Angestellten zu vereinen, hat ihm einigen Beifall, kaum Ärger, aber alles andere als zusätzliches Ansehen verschafft. Wer einigermaßen nüchtern urteilt, kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß die Zweiteilung der staatlichen Altersversicherung überholt ist. Die Grenzen zwischen Arbeitern und Angestellten sind fließend geworden. Daß die Versicherung der Angestellten finanziell günstiger dasteht als die Arbeiterrentenversicherung, ist im wesentlichen eine Folge des häufigen Überwechselns von einem Arbeiterin einen Angestelltenberuf.