Wer ist der Herr dort drüben in blauer Pilotenuniform?“ wollte unsere Journalisten-Tafelrunde im Hotel „Kämp“ in Helsinki wissen. Es war Krieg – Januar 1940. Jedes unbekannte Gesicht machte uns neugierig, und dieses hier besonders: Über einem weichen, etwas melancholischen Mund eine kühne Wikingernase, blaue, verträumte Augen, eine breite Stirn und gepflegte blonde Haare. Kein „Krieger“, aber auch kein Zivilist. Auch die Uniform fiel auf. Sie hätte dem Militärattache einer der befreundeten Mächte gehören können (zu denen damals das mit Stalin verbündete Deutschland nicht gehörte) oder auch einem Kriegsfreiwilligen.

Die Begeisterung für den Krieg des finnischen David gegen den sowjetischen Goliath hatte so manchen Idealisten und Abenteurer nach Finnland gelockt, und Piloten waren besonders willkommen. Finnland besaß nur wenige Jagdflugzeuge und keinen einzigen Bomber. Nahezu unbehindert konnte die sowjetische Luftwaffe über finnischem Gebiet operieren.

„Ich kann den Herren sagen, wer der neue Gast ist“, beendete der stets hilfsbereite Oberkellner des „Kämp“ unsere Spekulationen: „Graf von Rosen aus Schweden.“

Damals kam Carl-Gustav von Rosen allerdings nicht aus Schweden, sondern aus Holland. Seine Uniform war die eines Flugkapitäns der Königlich Niederländischen Luftfahrtgesellschaft KLM. Und mit einer Maschine der KLM, einem großen zweimotorigen Passagierflugzeug, war er bei Nacht und Nebel über das von der Luftwaffe seines Onkels Hermann Göring streng bewachte Deutschland von Holland nach Finnland geflogen. (Baronin Carin Fock, Görings erste Frau, war Carl-Gustavs leibliche Tante).

Unsere Vermutung, der Herr in der blauen Uniform sei Kriegsfreiwilliger, war also richtig. Er hatte seinen Dienst bei der KLM quittiert und flog nun für Finnland. Die Maschine, von jetzt an das größte Flugzeug der finnischen Luftwaffe, hatte er gleich mitgebracht. Als er zum erstenmal eine sowjetischen Militärflugplatz mit seiner Bombenlast anflog, leuchteten unter ihm plötzlich die Scheinwerfer auf. Die Russen kamen aber nicht auf die Idee, dieser große Vogel könnte ein Feind sein. Die Finnen hatten ja nur Jagdflugzeuge.

Man brauchte nur wenige Worte mit Carl-Gustav von Rosen zu wechseln, um seinen Entschluß, sich eine Passagiermaschine zu „leihen“ und damit Krieg gegen die Sowjetunion zu führen, für die selbstverständlichste Sache der Welt zu halten. Vier Jahre zuvor, als Mussolini 1935 in Abessinien einfiel, hatte er genauso gehandelt. Er bot dem Negus seine Hilfe an und flog eine Rot-Kreuz-Ambulanz in das von italienischen Truppen eingeschlossene, von der ganzen Welt als „Opfer einer Aggression“ bemitleidete, aber in keiner Weise unterstützte Abessinien.

Er begnügte sich auch damals nicht mit Flügen für das Rote Kreuz, sondern half auch gelegentlich an der Front aus. Aber darüber wollte er sich in Finnland aus verständlichen Gründen nicht näher äußern. Mussolini hatte den Finnen damals gerade einige Fiat-Jäger geschenkt, die für den Schutz Helsinkis und anderer Städte dringend gebraucht wurden, und so wollte auch Rosen den „Duce“ mit Erinnerungen an den Abessinien-Krieg nicht kränken. Freilich ließ sich Mussolinis löblicher Vorsatz, den Finnen zu helfen, schließlich doch nicht ausführen: Der Achsenpartner Hitler verbot den Flug der Fiat-Maschinen über Deutschland. Er wiederum wollte Stalin nicht kränken!