Von Toni Kienlechner

In Italien ist in diesem Sommer ein langes

Kapitel literarischen Lebens, das man bisher für glücklich und fruchtbar gehalten hatte, plötzlich zu Ende gegangen. Unter Protesten, Anschulsolidesten und Selbstbezichtigungen platzten die solidesten Einrichtungen des Literaturbetriebes, die Literaturpreise Premio Strega und Premio Viareggio: Die Preisgekrönten wiesen die Auszeichnungen als „demütigend und unannehmbar“ zurück, die Preisrichter verließen die Jury, die Mäzene verschlossen die Geldbeutel. Das Publikum verfolgte verständnislos und mißbilligend den Guerillakrieg der Literaten. Die Auflagenziffern sinken. Die Verlagsindustrie steckt in einer Krise.

Was ist geschehen? Was soll in Zukunft geschehen? Diese beiden Fragen beschäftigen die Intellektuellen und die Verleger gleichermaßen, zwingen die einen zu einer Gewissenserforschung und die anderen zu einer Marktdiagnose.

Ist der italienische Literaturbetrieb wirklich verseucht von Käuflichkeit, Klientelenwirtschaft und Erpressertum? Stimmt es, daß die „neokapitalistische Verlagsindustrie“ falsche Werte schafft und die guten unterdrückt? Gibt es noch gute Bücher in Italien? Gibt es eine „neue“ Literatur?

Das scheinbar so glückliche und fruchtbare Kapitel der italienischen Nachkriegsliteratur hat zwanzig Jahre gedauert. Bereits während der letzten Kriegsjahre hatten die Übersetzungen der modernen amerikanischen Klassiker, die von Cesare Pavese und Elio Vittorini publiziert wurden, die Isolierung durch den Faschismus durchbrochen. In dieser Schule lernten die jungen italienischen Schriftsteller eine neue, einfache Sprache, ohne Pathos und Rhetorik. Es drängte sie, ihre eigene Wirklichkeit kennenzulernen und auszudrücken. Italien schien aus einer Vielzahl poetischer Provinzen zusammengesetzt: Vittorini und Brancati waren die Dichter Siziliens, Pratolini und Prezzolini beschäftigten sich mit Florenz, Bassani schrieb seine „Geschichten aus Ferrara“, Mario Soldati und Natalia Ginzburg schilderten die Atmosphäre von Turin, Moravia und Pasolini entdeckten die proletarischen Viertel und die anarchischen Peripherien von Rom. Die Erlebnisse aus der Kriegs- und Partisanenzeit wurden erzählerisch verarbeitet, die sozialen Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden, zwischen den Städten und dem rückständigen Agrarland beherrschten Gedanken und Gefühle. Ein stark persönlicher Mitteilungsdrang ließ sich mühelos verbinden mit den „sozialen Anliegen“, denen man sich voller Eifer verschrieb. Alle kannten sich, wollten sich gegenseitig wohl, waren auf die Leistung und Förderung der anderen bedacht. Es war die Zeit der „hochherzigen Illusionen“, als Gesellschaft und Kultur Hand in Hand gingen und sich gegenseitig zu erneuern versprachen.

Der Premio Strega war das typische Produkt einer herzlich gestimmten und verbundenen Literaturfamilie. Der Preis war entstanden aus dem Kreis der „Sonntagsfreunde“, die regelmäßig den Salon des Ehepaares Bellonci in Rom besuchten, aus den Nachmittagsgesprächen von schreibenden Leuten, Kritikern, Verlegern und Gönnern. Einmal im Jahr stimmten die „Sonntagsfreunde“ darüber ab, welches Buch unter den Neuerscheinungen sie für das beste hielten, wem also der Preis von einer Million Lire überreicht werden sollte, den der wohlhabendste unter den „Sonntagsfreunden“, der Besitzer der Likörfabrik Strega, alljährlich stiftete. Es schadete dem „demokratischen“ Auszeichnungsverfahren auch nicht, daß manchmal der Bessere zurückstehen mußte und die Korrektheit der Abstimmungsergebnisse vergewaltigt wurde.