Von Horst Krüger

Bin ich ein Prophet, weil ich heute schon sage, wie es hinterher gewesen sein wird? Es wird sehr anstrengend, ziemlich enttäuschend und leider, leider immer kommerzieller geworden sein. Das ist sicher. Man sollte eigentlich nicht. Ich weiß, es hat keinen Sinn mehr. Andersch, Böll, Johnson sind auch nie. Früher? Früher war auch das besser, natürlich. Heute wird doch alles manipuliert, auch der Geist, auch die Moral, auch der Protest dagegen. Dieser feinmaschige, bösartige Spätkapitalismus, letzte Phase: wer schlüpft da durch? Und dann Frankfurt: diese Goldgräber-Baugrube, Schilderwald und Einbahnchaos, diese wildgewordene Kleinstadt, die für ein paar Tage frech so tut, als sei sie das deutsche Paris oder wenigstens das Berlin der zwanziger Jahre: Hauptstadt der Literatur. Ein wüster Jahrmarkt in Wirklichkeit – muß das denn sein?

Aber dann fährt man doch – zähneknirschend.

Bitte, noch ist es Zeit zu überlegen. Tretet zurück; ich warne euch. Noch ist es eine kleine Weile, daß man nein sagen könnte, aber es kommt auf uns zu, unaufhaltsam, wie Weihnachten, Fasching und der Winterschlußverkauf auf uns zukommen. Saison der Bücher? Eine Naturgewalt, sozusagen das freudige Ereignis jener Wirtschaftsbranche, die dauernd mit Geist schwanger geht und nun niederkommen will, zum Herbst, im neunten Monat, im September, zu Frankfurt am Main, daselbst. Vieltausend Verlage wollen gebären. Da werden kräftig Junge geworfen, und alles, was Dichtkunst am heimischen Herd, was Lektorenschweiß, was Verlegermut konzipierte, soll nun offenbar werden, soll in die Welt treten, soll geprüft, befaßt, getauft und beschnitten werden – man nennt es das Fest der Bücher. Warum nur sind solche Feste immer so gräßlich?

Hinterher, sage ich jetzt, wird es mit Sicherheit so gewesen sein: Es wird, alles in allem, noch etwas größer, noch etwas internationaler und im Umsatz zufriedenstellend gewesen sein. Es werden drei südamerikanische und vier afrikanische Staaten neu hinzukommen. Von der Mehrwertsteuer wird man ebenso ernst wie von „négritude“ sprechen. Heinrich Lübke, Bundespräsident, wird, wenn er in der Paulskirche zum erstenmal Leopold Senghor begegnet, sich etwas verhaspeln, wird etwas von „schwarzer Messe“ stottern, sich dann aber verbessern: schwarze Rasse. François Bondy wird nervös, immer etwas zu spät, aber doch vollkommen präsent auf vielen Partys stehen und eine würdige Laudatio für den Dichterfürsten aus Senegal mitbringen. Dieser wird, von Janheinz Jahn geistig unterstützt, Wirkungen haben. Für die Paulskirche werden die Eintrittskarten noch etwas knapper sein, Die deutschen Buchhändler werden sich nachdrücklich und mit entschiedenem Ernst gegen Rassendiskriminierung in aller Weit und für Toleranz, auch in aller Welt, aussprechen. Sie werden die Bücher, des Preisträgers festlich in ihrem Schaufenster auslegen. Es wird Ärger im Börsenverein geben; das ist sicher. Es wird Schwierigkeiten mit der DDR geben, die nur kommen wollen wird, wenn die Freie Stadt Frankfurt die DDR vorher schriftlich anerkennt. im letzten Augenblick aber werden die Schwierigkeiten „ausgeräumt“ sein.

Es wird junge, mutige Verleger geben, die kühne und gewagte Erotica vorlegen, und niemand wird sie verbieten. Sie werden diesmal eine Amerikanerin schlachten, des Vietnam-Krieges wegen; Merlin lädt dazu ein. Ein Frankfurter Amtsrichter wird diesmal eine DDR-Dokumentation über Kiesingers NS-Vergangenheit beschlagnahmen. Später wird das Werk wieder freigegeben: nur für reife Leser. Einige werden klagen, daß Fritz Bauer nicht mehr lebt. Dieselben werden versuchen, den Stand einer rechtsradikalen Zeitschrift in Brand zu stecken, was die Jungen vom SDS als reine Verschleierungstaktik des Bonner Establishments entlarven werden – damit wolle man doch nur ablenken. Viele junge Leute, das ist sicher, werden die Gelegenheit wahrnehmen, um die wahren Herrschaftsverhältnisse – den verschärften Klassenkampf am Beispiel der Buchproduktion – aufzudecken. Man wird auf die Dritte Welt hinweisen. Klaus Harpprecht wird, zum letztenmal bei S. Fischer stehend, von SPD-Würden geschmeichelt, vor Zorn gerötet, sagen: Protest muß sein, aber innerlich, aus der Seele kommend, wie bei den Gammlern. Geschäft ist Geschäft. Das will ich meinen.

Ach, ich sehe, von schlimmer Vergangenheit, von bösen Phantasmagorien heimgesucht, alles voraus: unsere Messetage, wie sie uns heimsuchen, quälen und aufregen werden. Mißmutige Gesichter unserer Literaturkritiker im eleganten TV-Studio der Messe. Sie äußern sich besorgt und enttäuscht über die Dürftigkeit deutscher Prosa. Da ist ja wieder kein großer Roman, wieder kein neuer Johnson, kein Grass, kein Walser, nichts. Einer wird einwerfen: Und Siegfried Lenz, ist das nichts? Einige werden nicken, andere husten, ein Tiefersehender – vielleicht Lettau – wird auf allgemeine Zusammenhänge, auf das Ende der Literatur überhaupt hinweisen. Jemand wird sagen: Telephonbücher, Kursbücher, Adreßbücher, das sind doch die einzigen zwischen zwei Pappdeckel gebundenen Sachen, die heute noch wiegen und lesbar sind. Unseld wird nicken. Leute, lest Telephonbücher, auch Kursbücher, da steht doch alles drin: Zahlen, Macht und Gesellschaft. Man wird über das Verstummen im Amerikahaus diskutieren, über Lyrik in dürftiger Zeit in U-Bahnschächten.