Von Wolfram Siebeck

In einer Londoner Galerie begegneten sich Yoko Ono und John Lennon zum erstenmal. „Da war dieses Bild von mir mit dem Titel ‚Schlag einen Nagel ein‘ “, erinnert sich die Japanerin für eine englische Zeitung, „in das man einen Nagel einschlagen sollte, nicht wahr. John sagte, könne er einen Nagel einschlagen? O. k., dachte ich, wenn Sie mir fünf Schilling geben. Er hatte keine fünf Schilling. Also sagte er, könne er statt dessen einen imaginären Nagel einschlagen? Nur zu, sagte ich. Und ich sah, daß er mein eigenes Spiel spielte, denn ich benutze immer imaginäre Sachen. Na, und seitdem spielen wir das Spiel eben zusammen.“

Ich will mich bestimmt nicht einmischen in die Romanze zwischen dem Beatle und der japanischen Künstlerin, die ich schon beim Experimentalfilmfestival in Knokke bewunderte, wo sie sich in imaginären Kleidern um den Titel einer „Miß Festival“ bewarb. Aber Tatsache ist nun mal, daß ihr Spiel auch mein Spiel ist.

Da war zum Beispiel dieses Bild mit dem Titel „Bei Gefahr Scheibe einschlagen und Knopf drücken“, an dem man bei Gefahr die Scheibe einschlagen und einen Knopf drücken sollte, nicht wahr. Ich sagte also zu einem Polizisten, kann ich die Scheibe einschlagen und den Knopf drücken? O. k., sagte er, wenn Sie 150 Mark bezahlen wollen. Ich habe aber keine 150 Mark, und so fragte ich, kann ich statt dessen eine imaginäre Scheibe einschlagen und einen imaginären Knopf drücken? Da hat der Polizist gesehen, welches Spiel ich spiele und mir eine nicht imaginäre reingeschlagen.

Mein Spiel kann auch im Auto gespielt werden. Da ist die Dame, die mit einem imaginären Nagel im Reifen auf eine imaginäre Parklücke zusteuert oder vor einem imaginären Elefanten ausweicht. Bei dieser Spielart fragt der Mitspieler auf dem Nebensitz, könne er mal aussteigen? O. k., wenn du mir sagst, wo die Bremse ist, lautet die Antwort, worauf der Mitspieler statt dessen ein imaginäres Kreuz schlägt.

Eine populäre Version des Spiels spielt man in den Familien. Dabei wird die umständliche Eröffnungszeremonie übergangen, denn Nägel schlägt allein die Hausfrau ein, und damit basta. Also beginnt sie gleich mit der Frage, könne sie fünfzig Mark haben? Der Haushaltsvorstand sagt dann, er habe keine fünfzig Mark, möchte sie statt dessen fünfzig imaginäre Mark haben? Darauf zeigt sie ihm einen imaginären Vogel, worauf er sie einen Nagel zu seinem Sarg nennt. Schließlich nimmt er einen Hammer und rennt in die nächste Galerie, wo er fragt, könne er einen Nagel einschlagen ...?